Führungskrise bei den Liberalen: Kubicki als möglicher Retter in der Not
Die Freie Demokratische Partei steckt in einer tiefen Führungskrise, die durch zwei verheerende Niederlagen bei Landtagswahlen und kaum noch messbare Umfragewerte verschärft wird. In dieser prekären Situation könnte ausgerechnet der polarisierende Parteivize Wolfgang Kubicki zum rettenden Strohhalm für die Liberalen werden.
Das Problem der öffentlichen Wahrnehmbarkeit
Wolfgang Kubicki hat das zentrale Problem der FDP bereits vor einem Monat präzise benannt: „Wir haben ein Problem mit unserer öffentlichen Wahrnehmbarkeit“, erklärte der 74-jährige Politiker aus Strande bei Kiel. Nach seiner Logik führt nur Wahrnehmbarkeit zu Sympathie – und diese wiederum zu Wahlerfolgen. Vor diesem Hintergrund erscheint seine am Oster-Wochenende verkündete Kandidatur für den FDP-Vorsitz als folgerichtiger Schritt.
Der frühere Bundestagsvizepräsident ist der mit Abstand bekannteste aktive Politiker der Liberalen. Er redet Klartext, scheut keine Talkshow und polarisiert oft stark – auch innerhalb der eigenen Partei. Während viele Menschen ihn dafür schätzen, verachten ihn andere genau aus diesem Grund. In der aktuellen Notlage der FDP könnte jedoch ausgerechnet dieser einstige Außenseiter zur lebensrettenden Maßnahme werden.
Die doppelte Krise der FDP
Allerdings kämpft die FDP mit einem zweiten, tiefer liegenden Problem, das über den Mangel an Sichtbarkeit hinausgeht: die Nachwehen der Ampelkoalition. Einerseits hat die Partei im Bündnis mit SPD und Grünen erschreckende Unfähigkeit zu Kompromissen und zum Regieren gezeigt. Andererseits hat sie viel zu lange eigene Überzeugungen zurückgestellt und zu spät die Reißleine gezogen.
Beide Vorwürfe treffen auch auf Kubicki zu. Zwar war er nicht Mitglied des Kabinetts, aber als Parteivize trägt er eine erhebliche Mitverantwortung für die aktuelle Krise. Damit wäre er im Falle seiner Wahl im Mai ein zwar sehr bekannter, aber an der Misere der FDP maßgeblich mitschuldiger neuer Vorsitzender.
Der Kontrast zum Konkurrenten
Diese doppelte Rolle unterscheidet Kubicki deutlich von seinem Konkurrenten im Kampf um den Vorsitz, dem nordrhein-westfälischen FDP-Chef Henning Höne. Während Höne als jüngerer Politiker einen Aufbruch symbolisieren könnte, ist Kubicki fast doppelt so alt und eng mit den aktuellen Problemen verbunden. Eine Wahl des Schleswig-Holsteiners würde daher kaum nach einem Neuanfang der Liberalen aussehen.
Allerdings ist genau dieser Aufbruch momentan vielleicht nicht das, was die FDP am dringendsten benötigt. Der noch amtierende und nun resignierende Vorsitzende Christian Dürr hat sich zu sehr mit der Erneuerung des FDP-Programms und dem inneren Neuaufbau der Partei beschäftigt – und dabei die Profilierung nach außen vernachlässigt.
Die drohende Gefahr weiterer Verluste
Es nützt der FDP wenig, wenn sie zwar ein neues Grundsatzprogramm entwickelt, aber gleichzeitig mangels öffentlicher Aufmerksamkeit in Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und vier weiteren Bundesländern aus den letzten Landtagen fliegt. Die Partei steht vor der realen Gefahr, ihre parlamentarische Präsenz weiter zu reduzieren.
In dieser Situation könnte ein Übergangsvorsitzender Kubicki genau die richtige Maßnahme sein, um die FDP über Wasser zu halten. Seine Bekanntheit und mediale Präsenz könnten der Partei die dringend benötigte öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen, während gleichzeitig jüngeren Talenten die notwendige Zeit bleibt, um unter seiner Führung Popularität und Durchsetzungskraft für eine spätere Nachfolge zu entwickeln.
Dass Kubicki sich selbst in genau dieser Rolle sieht, hat er mit klugem politischem Instinkt bereits erkennen lassen. Obwohl er Teil des Problems war, könnte er nun zur temporären Lösung werden – ein paradoxer, aber möglicherweise notwendiger Schritt für die kriselnden Liberalen.



