Merkwürdige Rückkehrpläne: Warum Merz' Vision für syrische Geflüchtete nicht aufgehen kann
Warum Merz' Rückkehrpläne für Syrer nicht aufgehen werden

Die Illusion der Rückkehr: Warum Merz' Pläne für syrische Geflüchtete scheitern müssen

Berlin • Die Debatte über syrische Geflüchtete in Deutschland erlebt eine neue Welle. Nach dem Treffen mit Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa im Kanzleramt äußerte Bundeskanzler Friedrich Merz eine ambitionierte Vision: In den kommenden Jahren sollen 80 Prozent der mehr als 900.000 Syrer in Deutschland in ihre Heimat zurückkehren. Doch die aktuellen Zahlen und Entwicklungen zeichnen ein ganz anderes Bild – eines, das diese Pläne als unrealistisch erscheinen lässt.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Laut Ausländerzentralregister hielten sich Ende September 2025 rund 948.000 syrische Staatsangehörige in Deutschland auf. Im Vergleich zu Ende 2024 bedeutet dies lediglich einen Rückgang von drei Prozent. Dieser minimale Rückgang lässt sich vor allem durch Einbürgerungen erklären: 2023 und 2024 wurden etwa 75.500 beziehungsweise 83.200 Syrer eingebürgert, was sie zur größten Gruppe der Neu-Eingebürgerten macht.

Die tatsächlichen Rückkehrzahlen nach Syrien bleiben im Dunkeln. Migrationsexperte Daniel Thym von der Universität Konstanz nannte in einem Gastkommentar die Zahl 2.400. Das Statistische Bundesamt registrierte zwischen Januar und September 21.800 Wegzüge von Syrern aus Deutschland – ohne Angabe der Zielländer. Diese Zahlen stehen in krassem Gegensatz zu Merz' ambitionierten Zielen.

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Die prekäre Lage in Syrien

Die Europäische Asylagentur (EUAA) veröffentlichte Anfang Dezember eine Analyse, die ein düsteres Bild zeichnet. Zwar wurden unter Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa politische Reformen eingeleitet, doch die Sicherheitslage bleibt volatil und die Armut groß. 90 Prozent der Bevölkerung leben in Armut, 16,5 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe.

Besonders alarmierend: Berichte über Gewaltexzesse gegen Minderheiten mit mehr als 1.000 Todesopfern. Alawiten und Drusen im Süden des Landes fühlen sich nicht mehr sicher, da mit der Übergangsregierung verbundene Kräfte an der Tötung von Zivilisten beteiligt gewesen sein sollen. Trotz dieser Umstände sind laut EUAA 1,9 Millionen Binnenvertriebene zurückgekehrt, während 7,4 Millionen weiterhin vertrieben bleiben.

Die politischen Ambitionen und realen Hürden

Innerhalb der Regierungskoalition treiben vor allem die Unionsparteien das Thema Rückkehr voran. Der Koalitionsvertrag sieht Abschiebungen nach Syrien „beginnend mit Straftätern und Gefährdern“ vor. In einem zweiten Schritt könnten dann Menschen folgen, die zwar unauffällig sind, aber keinen Schutzstatus mehr haben.

Die Bürokratie stellt ein massives Problem dar: Wie Daniel Thym in der Legal Tribune Online schreibt, wären das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Verwaltungsgerichte völlig überfordert, „wenn binnen kurzer Zeit mehrere zehn- oder gar hunderttausende Einzelfallprüfungen erfolgen müssten“. Thym empfiehlt stattdessen einen pragmatischen Mittelweg: Abschiebungen forcieren, Widerrufsprüfungen gesetzlich erleichtern und eine Bleibeperspektive für gut integrierte Syrer – unabhängig vom Schutzstatus.

Integration schreitet voran

Die Integration syrischer Geflüchteter zeigt bemerkenswerte Fortschritte. Laut einer Befragung von 2022 wollen 94 Prozent der syrischen Geflüchteten in Deutschland bleiben. Auf dem Arbeitsmarkt sind im April 2025 rund 300.000 Syrer in Arbeit, davon etwa 249.000 in sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Die Arbeitslosenquote syrischer Staatsbürger liegt bei 34,6 Prozent, wobei eine große Diskrepanz zwischen Männern (53 Prozent Erwerbstätigkeit) und Frauen (19 Prozent) besteht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellt fest, dass die Beschäftigungsquote mit der Aufenthaltsdauer steigt – auf 61 Prozent nach sieben Jahren oder länger in Deutschland. Rund 80.000 Syrer arbeiten in Engpassberufen.

Unverzichtbar im Gesundheits- und Pflegesystem

Syrische Fachkräfte haben sich zu einer tragenden Säule in kritischen Bereichen entwickelt. „Syrer sind die mit Abstand größte Gruppe unter den ausländischen Ärztinnen und Ärzten“, betont Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Von den 6.583 berufstätigen syrischen Ärzten arbeiten 5.745 in Kliniken.

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Ihr Weggang hätte „spürbare Folgen für die Versorgung, die Ärztedichte würde sinken“, warnt Gaß. „Konkret hieße das unter anderem häufiger verschobene Operationen, Leistungseinschränkungen und Bettenschließungen.“

In der Pflege zeigt sich ein ähnliches Bild: Mehr als 7.000 Menschen mit syrischem Pass arbeiten laut Bundesregierung in der Pflege, davon etwa 3.500 in der Altenpflege. Rund 1.800 Syrer lassen sich aktuell zur Pflegefachkraft ausbilden. Isabell Halletz, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Pflege, warnt: „Ein verstärkter Wegzug syrischer Pflegekräfte würde die Personalsituation in der Pflege spürbar verschlechtern.“

In kleineren Einrichtungen könnte bereits der Weggang weniger syrischer Kollegen dazu führen, dass die vorgeschriebene Personalquote unterschritten wird – „mit Aufnahmestopps als Folge“. In der ambulanten Pflege drohe sogar die Schließung von Diensten.

Fazit: Realität versus politische Vision

Die Zahlen und Fakten zeigen deutlich: Bundeskanzler Merz' Ziel, 80 Prozent der syrischen Geflüchteten zurückzuführen, erscheint vor dem Hintergrund der realen Entwicklungen als illusionär. Während die Integration in vielen Bereichen Fortschritte macht und syrische Fachkräfte in systemrelevanten Berufen unverzichtbar geworden sind, bleibt die Lage in Syrien prekär.

Die Diskrepanz zwischen politischen Ambitionen und praktischer Umsetzbarkeit könnte sich als unüberbrückbar erweisen. Statt massenhafter Rückkehr zeichnet sich eher eine Konsolidierung der syrischen Gemeinschaft in Deutschland ab – mit allen Chancen und Herausforderungen, die dies für die deutsche Gesellschaft bedeutet.