Chiles Regierung kippt Enteignungspläne für ehemalige deutsche Sekten-Siedlung
Die neue ultrarechte Regierung in Chile unter Präsident José Antonio Kast hat eine bedeutende Kehrtwende in der Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit der Colonia Dignidad vollzogen. Wie Wohnungsminister Iván Poduje am Sonntag gegenüber der Zeitung »La Tercera« erklärte, soll die geplante Enteignung des Geländes der ehemaligen deutschen Siedlung nicht mehr umgesetzt werden. Damit macht die Regierung eine Entscheidung der vorherigen linksgerichteten Regierung unter Präsident Gabriel Boric rückgängig, die im vergangenen Jahr die Enteignung angeordnet hatte.
Haushaltslage statt ideologische Gründe
Poduje begründete die Entscheidung mit der angespannten finanziellen Situation des Landes und betonte, dass das Enteignungsprojekt nicht mit dem Regierungsprogramm übereinstimme. »Dieses Projekt hat nichts mit unserem Programm zu tun«, sagte der Minister und verwies explizit auf die schlechte Haushaltslage Chiles. Gleichzeitig wies er jeden Verdacht auf einen »ideologischen Hintergrund« der Entscheidung entschieden zurück. Die frühere Regierung hatte die Enteignung mit dem Ziel angeordnet, auf dem Gelände einen würdigen Erinnerungsort für die Opfer der chilenischen Militärdiktatur zu errichten.
Dunkles Erbe der Colonia Dignidad
Die Colonia Dignidad wurde im Jahr 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet und entwickelte sich schnell zu einer sektenartigen Gemeinschaft mit düsterem Ruf. Während der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet zwischen 1973 und 1990 wurden auf dem Gelände zahlreiche Menschenrechtsverbrechen begangen, darunter Vergewaltigungen, Folterungen und Tötungen. Schäfer selbst wurde 2005 in Argentinien festgenommen und wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt. Er starb im Jahr 2010 im Gefängnis.
Seit dem Jahr 1988 trägt die Siedlung den Namen Villa Baviera und wird heute touristisch genutzt. Auf dem Gelände befinden sich ein Hotel, verschiedene Freizeiteinrichtungen und es werden regelmäßig Veranstaltungen wie Oktoberfeste durchgeführt. Die Entscheidung der neuen Regierung bedeutet, dass diese touristische Nutzung vorerst fortgesetzt werden kann, während die Pläne für eine Gedenkstätte auf Eis gelegt wurden.
Die Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad gestaltet sich seit Jahren als schwieriger und langwieriger Prozess. Die aktuelle Regierungsentscheidung wird voraussichtlich zu weiteren Diskussionen über den angemessenen Umgang mit diesem historischen Erbe führen, insbesondere im Hinblick auf die Rechte und Bedürfnisse der Überlebenden und Angehörigen der Opfer.



