Neunjährige muss im Mordprozess um ihre Mutter grausame Tatnacht schildern
Vor dem Landgericht Augsburg hat ein neunjähriges Mädchen in einer öffentlichen Verhandlung über den Mord an ihrer Mutter aussagen müssen. Das Kind wurde per Video aus einem Nebenraum in den Sitzungssaal zugeschaltet, während Zuschauer die Vernehmung verfolgen konnten, ohne das Mädchen dabei sehen zu können.
Beeindruckend ruhige Schilderung der tödlichen Nacht
Die Neunjährige schilderte die Ereignisse der Tatnacht mit bemerkenswerter Ruhe und Klarheit. Sie berichtete von einem lauten Knall, der sie aus dem Schlaf riss, und davon, wie sie ihre Mutter bluten sah. „Da war übelst viel Blut auf dem Boden“, sagte das Mädchen während ihrer Aussage. In ihrer Hilflosigkeit griff sie zum Handy ihrer Mutter und rief die Großmutter an, wobei sie angab, ihre Mutter sei in Ohnmacht gefallen, weil sie nicht wusste, wie sie die schreckliche Situation beschreiben sollte.
Als die tödlichen Schüsse fielen, legte sich das Mädchen schützend über ihren kleinen Bruder, um ihn vor möglicher weiterer Gefahr zu bewahren. Diese selbstlose Handlung unterstreicht den außergewöhnlichen Charakter der jungen Zeugin, die in einer extremen Stresssituation instinktiv handelte.
Angeklagter soll dreifache Mutter mit vier Kopfschüssen getötet haben
Vor Gericht steht ein 29-jähriger Mann, dem vorgeworfen wird, die 30-jährige Frau im Mai des vergangenen Jahres in deren Wohnung mit vier gezielten Kopfschüssen getötet zu haben. Der Angeklagte, der sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußerte, hatte zwar kein enges persönliches Verhältnis zu der Ermordeten, ist jedoch der Ziehsohn des Mannes, mit dem das Opfer bis kurz vor der Tat eine etwa fünfjährige Beziehung führte.
Aus dieser Beziehung gingen zwei gemeinsame Kinder hervor, während die nun aussagende Neunjährige aus einer früheren Beziehung der getöteten Frau stammt. Diese familiären Verflechtungen machen den Fall besonders komplex und emotional aufgeladen.
Partnerschaft von Kontrolle und Eifersucht geprägt
Nach Ermittlungserkenntnissen war die Beziehung zwischen dem Opfer und ihrem Ex-Partner von dessen „Kontroll- und Eifersucht“ dominiert. Der Ziehvater soll den Angeklagten wie einen Privatdetektiv auf die Frau angesetzt haben, um sie systematisch auszuspionieren und zu überwachen.
Die Neunjährige schilderte zudem ein besonders brutales Vorfall kurz vor der Trennung: Ihr Stiefvater habe versucht, den Kopf ihrer Mutter beim gemeinsamen Grillen ins Feuer zu drücken. Dieses gewalttätige Ereignis führte schließlich zur endgültigen Trennung des Paares.
Traumatische Folgen für das junge Mädchen
Eine Traumatherapeutin bestätigte, dass das Kind an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Bis heute hört das Mädchen die Schüsse auf ihre Mutter, erlebt Flashbacks der blutigen Bilder und kämpft mit den psychischen Folgen der schrecklichen Tatnacht.
Dass die Öffentlichkeit während der Vernehmung der Neunjährigen nicht ausgeschlossen wurde, erklärt sich aus einer rechtlichen Besonderheit: Das Mädchen gilt juristisch nicht als Geschädigte, weshalb ein Ausschluss der Öffentlichkeit nicht möglich war. Nebenklage-Anwältin Isabel Kratzer-Ceylan bedauerte diese Situation, die das Kind zusätzlich belastet haben könnte.
Richter lobt mutige Aussage des Mädchens
Nach der Vernehmung wandte sich der Vorsitzende Richter mit anerkennenden Worten an die junge Zeugin: „Das hast Du wirklich ganz toll gemacht. Ganz vielen Dank.“ Diese Wertschätzung unterstreicht die außergewöhnliche Leistung des Mädchens, das trotz seines jungen Alters und der traumatischen Erlebnisse eine klare und zusammenhängende Aussage machen konnte.
Das Mädchen äußerte abschließend den deutlichen Wunsch, weder den Angeklagten noch dessen Ziehvater jemals wiederzusehen. Beide Männer, von denen sie den Ziehsohn früher als „echt einen guten Spielkamerad“ beschrieb, sollen aus ihrem Leben verschwinden.
Mehrere Verhandlungstage bis zum Urteil im Juni
Das Landgericht Augsburg hat für diesen komplexen Mordprozess zahlreiche Verhandlungstage eingeplant. Ein Urteil wird voraussichtlich erst Mitte Juni dieses Jahres erwartet. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Tat aus Rache aus, die im Kontext der zerrütteten Familienbeziehungen und der kontrollierenden Dynamik zwischen den Beteiligten zu sehen ist.
Der Fall zeigt nicht nur die grausamen Details einer Familientragödie, sondern auch die besonderen Herausforderungen, wenn Kinder als Zeugen in schweren Strafverfahren aussagen müssen. Die psychologische Betreuung und der sensible Umgang mit jungen Traumaopfern bleiben dabei zentrale Aspekte des Gerichtsverfahrens.



