Geheimoperation in Halle: Wie die Stasi einen französischen Soldaten tötete
Vor genau 42 Jahren, am 22. März 1984, endete eine Routinefahrt für den französischen Oberstabsfeldwebel Philippe Mariotti tödlich. Was lange als tragischer Unfall galt, entpuppt sich durch akribische Recherchen als geplante militärische Aktion der DDR-Staatssicherheit. In den frühen Morgenstunden brach Mariotti mit zwei Kameraden von Potsdam aus auf, um die Kaserne "Otto Brosowski" in Halle zu observieren – eine turnusmäßige Aufgabe der französischen Militärmission.
Die tödliche Falle der Staatssicherheit
Doch die drei Franzosen wurden bereits erwartet. Unter dem Decknamen "Paul Schmidt" hatte ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Halle einen detaillierten Operationsplan ausgearbeitet. Das Ziel lautete offiziell, "die Angehörigen der westlichen Militärmissionen an der Aufklärung des NVA-Objektes zu hindern". In der Praxis bedeutete dies eine tödliche Falle. An mehreren Stellen der Nordstraße waren Militärlastzüge bereitgestellt worden, besetzt mit MfS-Leuten in NVA-Uniformen.
Philippe Mariotti gelang es zunächst, über Nebenstraßen und Feldwege an die Kaserne heranzufahren, ohne die aufgestellten Verbotschilder zu passieren. Doch am Haupttor der Kaserne begann die Verfolgung. Ein erster Lkw setzte ihm nach, während Mariotti Richtung Halle floh. Aus der Dölauer Straße kam ihm ein weiterer Militär-Lkw entgegen – obwohl nicht vorfahrtsberechtigt, fuhr er ohne Stopp auf die Nordstraße. Der Zusammenstoß war unvermeidbar und kostete Mariotti das Leben.
Vertuschung und gefälschte Unfallversion
Um den Vorfall wie einen Unfall aussehen zu lassen, wurde sofort die Polizei gerufen. "Paul Schmidt", der als Beifahrer im Lkw saß, diktiert die offizielle Lesart: Das Missionsteam habe durch eine "Schlängelfahrt" den Lkw zu Ausweichmanövern gezwungen. Diese Erklärung sollte auch rechtfertigen, warum sich der Lkw auf der falschen Fahrbahnseite befand. Die Protokollanten haken nicht nach, wie Matthias Heisig vom Alliierten Museum bei seiner Rekonstruktion des Falls 2004 feststellte.
Noch vor Eintreffen von Feuerwehr, Verkehrspolizei und Krankenwagen sicherten die Stasi-Männer am Unfallort belastendes Material: Filme, Karten, Kompass und Diktiergerät wurden beschlagnahmt. Mariottis Wagen war vollkommen zertrümmert, seine beiden Begleiter standen unter Schock.
Internationale Vertuschung und späte Aufarbeitung
Als sich der Oberbefehlshaber der französischen Truppen beim sowjetischen Oberkommandierenden beschwerte, übermittelte dieser lediglich sein "aufrichtiges Beileid" und berief sich auf die gefälschte Version des Hergangs. Zudem wurde behauptet, das Team habe sich gesetzwidrig verhalten, indem es Durchfahrtverbotsschilder missachtet habe. Die angekündigten Untersuchungsergebnisse wurden nie vorgelegt – weder in der DDR noch in Frankreich wurde der Fall zum Medienthema.
Erst nach dem Ende der DDR konnte der Fall aufgearbeitet werden. Selbst Mariottis Sohn Jean-Michel, der damals 20 Jahre alt war wie der Lkw-Fahrer, erhielt erst später Zugang zu den Akten. Noch 2004 erklärte er: "Ich hatte damals keine Ahnung, welches Risiko diese Arbeit bedeutete. Für mich war die Militärmission nur ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Sowjets. Ich wusste nicht, dass der Kalte Krieg auch heiß sein konnte."
Heute erinnert nur ein kleiner Gedenkstein zwischen Wohnhäusern und Straßenbahnschienen am Rande von Halle-Kröllwitz an den tragischen Tod. Anlässlich des 42. Jahrestags wurde die unscheinbare Gedenkstätte kürzlich gepflegt – ein leises Gedenken an einen Mann, dessen Tod jahrelang systematisch vertuscht wurde und dessen Geschichte exemplarisch für die brutalen Methoden der DDR-Staatssicherheit steht.



