Dokumentationszentrum zum NSU-Terror in Chemnitz zieht erfolgreiche Bilanz
Das bundesweit erste Dokumentationszentrum zum Terror der rechtsextremen NSU in Chemnitz blickt auf ein erfolgreiches erstes Jahr zurück und plant bereits die nächsten Schritte. Geschäftsführerin Nora Krzywinski betont im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, dass die Einrichtung weit mehr als eine reine Ausstellung sei und sich nun neuen Zielgruppen sowie Themen widmen wolle.
Persönliche Erinnerungen an die Opfer
In der Dauerausstellung mit dem Titel „Offener Prozess“ werden die zehn Mordopfer der Terrorzelle gewürdigt: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Neben künstlerischen Aquarellporträts sind zahlreiche persönliche Gegenstände zu sehen, die an die Ermordeten erinnern – von Familienfotos und Postkarten über eine Gebetskette bis hin zur Dienstmütze und einer vererbten Taschenuhr.
Über 15.000 Besucher im ersten Jahr
Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen und thematisiert nicht nur die rassistische Mordserie, sondern auch das langjährige Versagen der Ermittlungsbehörden, deutsche Migrationsgeschichte sowie die Kontinuität rechtsextremen Terrors in Deutschland. Im vergangenen Jahr verzeichnete das Zentrum rund 15.000 Besucherinnen und Besucher. „Unsere Erwartungen sind im Positiven übertroffen worden“, erklärt Krzywinski. „Das zeigt die Relevanz der Arbeit, die wir hier tun.“ Alle Angebote seien ausgebucht gewesen, manche Anfragen hätten sogar abgelehnt werden müssen.
Finanzierung und Forderung nach weiterer Aufklärung
Um die Arbeit über das Kulturhauptstadtjahr 2025 hinaus fortzusetzen, wurde eine gemeinnützige GmbH als Träger gegründet. Die Finanzierung von rund 2,6 Millionen Euro für dieses Jahr wird größtenteils vom Land getragen, der Bund beteiligt sich mit einem kleineren Anteil. Allerdings muss die Finanzierung jährlich neu verhandelt werden. „Da die zugesagten Mittel deutlich hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleiben, bleibt die langfristige Absicherung eine stetige Herausforderung“, so Krzywinski.
Die Geschäftsführerin mahnt zudem weitere Aufklärung zum NSU-Komplex an. Der aktuelle Prozess am Oberlandesgericht Dresden gegen die mutmaßliche NSU-Vertraute Susann E. zeige, dass der Name „Offener Prozess“ weiterhin Programm sei. „Das Unterstützernetzwerk des NSU-Trios ist nach wie vor nicht aufgedeckt“, betont Krzywinski. Die Aussagen der verurteilten Rechtsterroristin Beate Zschäpe würden mehr Fragen aufwerfen, als zur Aufklärung beizutragen.
Programm für 2026: Filme, Musik und Theater
Für das laufende Jahr hat das Dokumentationszentrum ein vielfältiges Programm angekündigt:
- Eine Filmreihe zu jüdischem und migrantischem Leben
- Workshops zu Hip-Hop als widerständige Kultur
- Ein Kinder- und Nachbarschaftsfest
- Die Theateraufführung „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Tuğsal Moğul im Oktober
- Ein Konzert des queeren Chores canta:re aus Berlin im Herbst
Zum 15. Jahrestag der Selbstenttarnung der NSU-Terrorzelle im November sind zudem verschiedene Veranstaltungen in Zwickau und Chemnitz geplant. Beide Städte waren einst Rückzugsorte des NSU-Trios, das hier jahrelang unbehelligt lebte und seine Mordserie sowie mehrere Bombenanschläge und Raubüberfälle organisierte.



