Experte widerspricht gängigen Szenarien: Deutschland im Fokus Moskaus
Eine provokante These sorgt in Sicherheitskreisen für Aufsehen: Deutschland sei für Russland ein sinnvolleres und einfacheres Angriffsziel innerhalb der NATO als die baltischen Staaten. Diese Behauptung stellt Erkki Koort, Direktor des Instituts für Innere Sicherheit an der Estnischen Akademie für Sicherheitswissenschaften, auf. Der Experte widerspricht damit fundamental den üblichen militärischen Annahmen, die vor allem Estland, Litauen und Lettland als potenzielle Ziele russischer Aggression sehen.
„Primitives Denken“: Warum die baltischen Staaten nicht das Hauptziel sind
„Das ist primitives Denken“, erklärt Koort im Gespräch mit der polnischen Zeitschrift WPROST. Seiner Analyse nach spielt Deutschland die Schlüsselrolle in Europa. Wer die NATO nachhaltig schwächen wolle, müsse ihr logistisches und strategisches Zentrum treffen – und dieses liege in der Bundesrepublik. „Was nützen Angriffe auf die Grenzgebiete zwischen Russland und der NATO, ohne zuvor den strategischen Rücken zu neutralisieren? Und dieser Rücken liegt in Deutschland“, so der estnische Sicherheitsexperte.
Nicht nur verdeckte Angriffe: Offene militärische Attacken möglich
Dass Deutschland im Fokus Moskaus steht, ist zwar nicht neu. Verteidigungsminister Boris Pistorius warnte bereits 2024 vor hybriden Angriffen, und Verfassungsschutz-Präsident Sinan Selen bezeichnete Deutschland als „Feind Nummer eins“ aus russischer Sicht. Neu ist jedoch Koorts Schlussfolgerung: Während deutsche Behörden vor allem vor verdeckten Operationen warnen, sieht er die Bundesrepublik sogar als wahrscheinlichstes Ziel eines offenen militärischen Angriffs.
Strategische Gründe: Warum Deutschland attraktiv für Angriffe ist
Für diese Einschätzung nennt Koort mehrere gewichtige Argumente:
- Zentrale strategische Bedeutung: Ein Angriff auf Deutschland hätte enorme propagandistische Wirkung, zumal der Kreml die Bundesrepublik als Hauptgegner in Europa betrachtet.
- Demografische Faktoren: In Deutschland leben rund 3,5 Millionen russischsprachige Menschen, und in Teilen der Gesellschaft gebe es Sympathien für Moskau sowie Zweifel an der eigenen Verteidigungsfähigkeit.
- Geografische Lage: Deutschland grenzt nicht direkt an Russland, was militärische Gegenmaßnahmen im Vergleich zu den baltischen Staaten unwahrscheinlicher macht.
Russlands Vorbereitungen: Netzwerke und Einflussmöglichkeiten
Für verdeckte Attacken sieht der Experte Russland bereits bestens vorbereitet. Er spricht von umfangreichen operativen Ressourcen in Deutschland:
- Ein Netzwerk aus Geheimdienstagenten, Unterstützern und Sympathisanten
- Strukturen innerhalb der russischsprachigen Diaspora
- Politische Kräfte wie die AfD, die für eine Verständigung mit Moskau eintreten und Russlands Einfluss vergrößern könnten
Militärische Schwächen trotz gestiegener Verteidigungsausgaben
Auch militärisch identifiziert Koort Probleme – trotz der massiv gestiegenen Verteidigungsausgaben der Bundesregierung. „Geld kämpft nicht an der Front. Dafür braucht man den Willen zum Kampf und Menschen“, betont der Sicherheitsexperte. Seine ernüchternde Bilanz: „Es wäre also relativ einfach, das wichtigste Land Europas lahmzulegen, was für Russland eine enorme propagandistische Bedeutung hätte und katastrophale Folgen für die Sicherheit der Ostflanke der NATO hätte.“
Unterstützung aus Deutschland: Experten bestätigen die Analyse
Auch aus Deutschland erhält der estnische Sicherheitsexperte Rückendeckung. Marcus Faber, ehemaliger Vorsitzender des Bundestags-Verteidigungsausschusses (FDP), erklärt: „Erkki Koort hat recht. Putins Russland baut sein Angriffspotenzial auf die NATO seit Jahren systematisch aus. Bei einer Invasion wäre Deutschland die Drehscheibe für die Unterstützung der Bündnispartner. Damit wären logistische Knotenpunkte wie Häfen und Verkehrsdrehscheiben genauso im Visier des Aggressors wie der Rückhalt in der Bevölkerung.“
Die Warnungen der Sicherheitsexperten verdeutlichen, dass Deutschland sich nicht nur auf hybride Bedrohungen vorbereiten muss, sondern auch die Möglichkeit offener militärischer Angriffe ernst nehmen sollte. Die strategische Bedeutung der Bundesrepublik macht sie sowohl für verdeckte Operationen als auch für konventionelle Attacken zu einem prioritären Ziel russischer Aggressionsbestrebungen.



