Schiedsrichter-Experte Manuel Gräfe hat die Leistungen der Unparteiischen bei der laufenden Weltmeisterschaft scharf kritisiert. In einem Interview mit BILD sprach er sich zudem für eine taktische Neuausrichtung aus, die Jürgen Klopp im Hinblick auf eine mögliche Zukunft beim DFB beachten sollte. Konkret empfiehlt Gräfe, sich am Vorgehen der französischen Nationalmannschaft zu orientieren, die bei dieser WM von rücksichtsloser Härte profitiert habe.
Gräfe: Schiedsrichter bei WM „erschreckend schwach“
Manuel Gräfe, langjähriger Bundesliga-Schiedsrichter und heute als TV-Experte tätig, zeigte sich enttäuscht über das Niveau der Unparteiischen bei der WM 2026. „Die Leistungen sind erschreckend schwach“, sagte Gräfe. Besonders kritisch äußerte er sich über die inkonsistente Regelauslegung: „Was in einem Spiel als Foul gilt, wird im nächsten ignoriert. Das schadet dem gesamten Turnier.“
Ein Beispiel sei das Achtelfinalspiel zwischen Frankreich und Paraguay, das die Franzosen trotz einer rüden Spielweise der Südamerikaner für sich entscheiden konnten. Gräfe betonte: „Paraguay hat extrem unfair gespielt, aber die Schiedsrichter haben nicht konsequent durchgegriffen. Frankreich hat daraus gelernt und sich angepasst.“
Frankreichs Taktik: Härte als Erfolgsrezept
Die französische Mannschaft habe verstanden, wie man das Regelchaos ausnutze, so Gräfe. „Frankreich hat begriffen, dass man mit taktischen Fouls und gezielter Härte durchkommt, solange die Schiedsrichter nicht eingreifen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Analyse.“ Er verwies auf eine Szene, in der Kylian Mbappé nach einem klaren Schlag zu Boden ging, ohne dass der Schiedsrichter eine Rote Karte zeigte. „Klarer Schlag, kein Rot! Das ist ein Skandal“, wetterte Gräfe.
Laut Gräfe müsse Jürgen Klopp, der als möglicher zukünftiger Bundestrainer oder DFB-Funktionär gehandelt wird, aus diesen Vorfällen lernen. „Wenn Klopp beim DFB etwas bewegen will, muss er verstehen, dass die Schiedsrichter-Ausbildung und die Taktik der Spieler aufeinander abgestimmt sein müssen. Frankreich macht es vor: Wer clever foult, gewinnt.“
VAR-Chaos und Regeländerungen gefordert
Gräfe kritisierte auch den Videobeweis (VAR), der bei dieser WM für zusätzliche Verwirrung sorge. „Das VAR-Chaos führt dazu, dass die Schiedsrichter immer unsicherer werden. Es braucht dringend eine Regeländerung, um die Schwalben und die taktischen Fouls zu unterbinden“, forderte er. Konkret schlägt Gräfe vor, dass der VAR nur bei klaren Fehlentscheidungen eingreifen darf und dass die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR transparenter werden müsse.
„Die aktuelle Situation ist unhaltbar. Wir sehen drei Rote Karten in einem Spiel, aber dann werden klare Fouls übersehen. Das ist nicht mehr nachvollziehbar“, sagte Gräfe mit Blick auf die spannende Theorie, dass die Schiedsrichter bei dieser WM bewusst weniger durchgreifen, um das Spiel flüssiger zu halten. „Das ist ein Trugschluss. Am Ende entscheidet die Härte, nicht die Fairness.“
Klopp als Hoffnungsträger für deutsche Schiedsrichter
Jürgen Klopp, derzeit noch Trainer des FC Liverpool, wird immer wieder als zukünftiger Sportdirektor oder sogar Bundestrainer gehandelt. Gräfe sieht in Klopp die Chance, die deutsche Schiedsrichter-Kultur zu reformieren. „Klopp hat ein Gespür für Taktik und Regeln. Er kann dem DFB helfen, eine klare Linie zu finden“, so Gräfe. „Aber er muss sich beeilen. Die WM zeigt, dass die Schere zwischen den Teams, die das Regelchaos ausnutzen, und denen, die fair spielen, immer größer wird.“
Die deutschen Schiedsrichter müssten ebenfalls nachschulen. „Wir brauchen Unparteiische, die mutig entscheiden und nicht ständig auf den VAR schielen. Frankreichs Schiedsrichter haben das verstanden – oder sie werden von der Mannschaft ignoriert“, sagte Gräfe abschließend.



