Die Nato befindet sich in einer existenziellen Krise, obwohl der Schutz durch das Bündnis für Europa dringender denn je ist. Nichts erinnert mehr an den von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einst diagnostizierten „Hirntod“. Zwei ältere Männer – Wladimir Putin und Donald Trump – treiben die Allianz in rasantem Tempo durch eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Diese Veränderungen wurden auf den Gipfeln in Vilnius (2023), Washington (2024) und Den Haag (2025) offenkundig.
Gipfel in Ankara: Ein schwieriger Balanceakt
Das aktuelle Nato-Treffen in Ankara, das an diesem Dienstag beginnt, reiht sich in diese Serie ein. Es ist nicht nur wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ein schwieriger Gipfel, sondern auch, weil US-Präsident Donald Trump den Alliierten erneut große Sorgen bereitet. Oberstes Ziel der Europäer ist es, einen Eklat zu vermeiden, um keinen Zweifel an der Einigkeit der 32 Mitgliedstaaten aufkommen zu lassen.
Trump hat bereits vor dem Gipfel gegen die Verbündeten ausgeholt. In einem Post auf der Plattform Truth Social bezeichnete er deren Beiträge für das Verteidigungsbündnis als „lächerlich“. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wies diesen Vorwurf umgehend zurück: Deutschland verdoppele seinen Verteidigungsetat innerhalb von vier Jahren. Diese Tatsache dürfte Trump, der sich von Fakten generell wenig irritieren lässt, kaum beeindrucken.
Streit um Verteidigungsausgaben neu entfacht
Dabei schien der Streit um die finanziellen Beiträge der einzelnen Staaten eigentlich beigelegt. Auf dem richtungsweisenden Gipfel im Juni 2025 hatten die Mitglieder beschlossen, bis 2035 mindestens 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben und zusätzlich 1,5 Prozent des BIP für verteidigungsrelevante Ausgaben vorzuhalten. Schon damals hatte Trump die Partner unter Druck gesetzt und sogar mit einem Austritt der USA aus dem Bündnis gedroht. Am Ende stand er als Sieger da und bekräftigte das „unumstößliche Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung“.
Doch das zögerliche Verhalten einiger europäischer Staaten während der US-Angriffe auf den Iran hat die schwelende Wut auf die Europäer neu entfacht. Trump erklärte kürzlich, nicht alle Länder würden ihre Versprechen einhalten. In Ankara soll die Entwicklung bei den Verteidigungsausgaben erneut bewertet werden – und die USA drohen, ihre Zahlungen zu kürzen.
Rückblick: Die geräuschlose Zeitenwende
Angesichts solcher polternden Auftritte erinnern sich Nato-Diplomaten fast wehmütig an den Gipfel in Washington im Juli 2024, als die Allianz ihren 75. Geburtstag feierte. Damals hieß der US-Präsident noch Joe Biden, der vielleicht letzte Transatlantiker in diesem Amt. Wegen der Bedrohung durch Russland verkündete er, ab 2026 wieder Waffensysteme in Deutschland zu stationieren, die weit bis nach Russland reichen – darunter Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, die auch nuklear bestückt werden können.
Doch schon damals war die Rückkehr Trumps ins Weiße Haus ein realistisches Szenario. Allen war klar, dass er das Stationierungsvorhaben rückgängig machen würde, sollte er die Wahl gewinnen – was er schließlich tat. Ein Jahr zuvor, beim Nato-Gipfel 2023 in Vilnius, hatten sich ebenfalls spektakuläre Veränderungen geräuschlos vollzogen. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beschäftigten sich die Militärstrategen der Allianz mit dem scheinbar Unmöglichen: einem Überfall Moskaus auf das Baltikum oder Polen.
Geheime Verteidigungspläne für den Ernstfall
In Vilnius bestätigten die Staats- und Regierungschefs geheime Pläne für den Verteidigungsfall. Auf mehr als 4400 Seiten wird darin festgelegt, wie kritische Orte im Bündnisgebiet geschützt und verteidigt werden sollen. Mit diesen Plänen schlugen die Nato-Mitglieder ein altes Kapitel neu auf – sie entsprechen in Grundzügen den Dokumenten aus der Zeit des Kalten Kriegs. Definiert wird, welche militärischen Fähigkeiten zur Abschreckung und Abwehr von Angriffen notwendig sind. Neben Land-, Luft- und Seestreitkräften sind dieses Mal auch Cyber- und Weltraumfähigkeiten eingeschlossen. Der Gipfel in Vilnius markierte somit den ersten Schritt der Nato in ein neues Zeitalter.
Ob Nato-Generalsekretär Mark Rutte den US-Präsidenten in Ankara davon überzeugen kann, dass das Bündnis alle Verpflichtungen erfüllt, bleibt abzuwarten. Die Europäer setzen alles daran, die Einheit zu wahren und einen offenen Bruch mit Washington zu vermeiden.



