Die Koalition will den Krankenstand in deutschen Unternehmen senken – mit einer Neuregelung: Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung soll künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag vorgelegt werden müssen. Bisher ist dies erst ab dem vierten Tag Pflicht. Der Vorstoß sorgt für hitzige Debatten, auch innerhalb der SPD.
Merz: Kein Praxisbesuch am ersten Tag nötig
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erläuterte in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ die geplante Regelung: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben.“ Wie dies ohne Praxisbesuch funktionieren soll, ließ er offen. Zudem machte Merz deutlich, dass in Unternehmen abweichende Regeln getroffen werden können.
Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) betonte am Freitagmorgen im ZDF, dass die Attestpflicht ab Tag eins die Zahl der Krankmeldungen reduzieren werde. „Wer tatsächlich vielleicht an dem jeweiligen Morgen nicht wirklich krank ist, aber noch überlegt, ob er hingehen sollte, der entscheidet sich dann im Zweifel vielleicht doch fürs Arbeiten.“ Spahn wies darauf hin, dass die Maßnahme kein Misstrauen ausdrücke, sondern Fairness gegenüber Kollegen fördere. Er verwies auf sogenannte „Bettkantenentscheidungen“ besonders montags und freitags.
Widerstand in der SPD
In der SPD gibt es Unmut über den Koalitionsbeschluss. Generalsekretär Tim Klüssendorf räumte im ZDF ein: „Es gibt in der SPD viel Widerspruch, auch verständlichen Widerspruch.“ Die SPD habe dennoch zugestimmt, weil die Union ursprünglich einen Karenztag gefordert habe – also einen Krankheitstag ohne Lohnfortzahlung. „Das kleinere Übel“ sei die Attestpflicht, so Klüssendorf.
Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) rechtfertigte die Verschärfungen als Kompromiss, strebt aber praktikable Lösungen an. Er verwies auf Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die zugesagt habe, dass niemand, der krank sei, wirklich zum Arzt gehen müsse. „Ich will auch nicht, dass Menschen sich krank zur Arbeit schleppen. Ich will auch, dass die Ärzte vernünftig ihren Job machen können“, sagte Klingbeil bei RTL/ntv. Die genaue Ausgestaltung müsse nun gesetzlich geregelt werden.
Kritik von Ärzten und Krankenkassen
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) übt scharfe Kritik. KBV-Chef Andreas Gassen sagte der „Rheinischen Post“: „Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis.“ Es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich zum reinen Ausfüllen von Zetteln in die Praxen zu schicken.
Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) bezeichnen das Aus für telefonische Krankschreibungen als „reine Symbolpolitik“ ohne Nachweis für einen Missbrauch. Der DAK-Vorstandschef Andreas Storm warnt vor überfüllten Hausarztpraxen: „Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung steigert die Zahl der Arztkontakte und damit auch die Belastung der Beschäftigten in den Praxen.“
Nach einer Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) und der Barmer Krankenkasse auf Basis von Abrechnungsdaten von 2020 bis 2023 hatten telefonische Krankschreibungen einen Anteil von jährlich 0,8 bis 1,2 Prozent an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Es hätten sich keinerlei Hinweise gefunden, dass sie maßgebliche Treiberin des höheren Krankenstandes seien.
Teilkrankschreibung als Alternative
DAK-Chef Storm plädiert stattdessen für eine Teilkrankschreibung: „Um den hohen Krankenstand wirksam reduzieren zu können, sollten wir das Potenzial der Teilkrankschreibung nutzen.“ Erfahrungen aus skandinavischen Ländern zeigten, dass mehr Flexibilität Beschäftigte im Arbeitsprozess halten könne. Ministerin Warken plant bereits die Einführung von Teilkrankschreibungen – zu 25, 50 oder 75 Prozent der üblichen Wochenarbeitszeit, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber zustimmen.
Die Koalition hatte zudem vereinbart, die Möglichkeit zu telefonischen Krankschreibungen ohne Praxisbesuch abzuschaffen. Warken verteidigte diesen Schritt, betonte aber: „Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass digitale Möglichkeiten wie Videosprechstunden mit dem behandelnden Hausarzt weiterhin möglich sind und verstärkt genutzt werden.“



