Ein Jahr nach dem Rückzug: Stephan Weil zieht Bilanz
Genau ein Jahr ist vergangen, seit Stephan Weil seinen vorzeitigen Rückzug als niedersächsischer Ministerpräsident und SPD-Landeschef ankündigte. Heute blickt der 67-Jährige zufrieden auf die Amtsübergabe an seinen Nachfolger Olaf Lies zurück und hat sich inzwischen in neuen Rollen etabliert.
Reibungslose Übergabe und positive Bilanz
Stephan Weil steht zufrieden am Fenster seines Abgeordnetenbüros im niedersächsischen Landtag. „Ich freue mich darüber, dass die Amtsübergabe an Olaf Lies völlig reibungslos gelungen ist und die Landesregierung nach meinem Eindruck unter seiner Leitung gut unterwegs ist“, erklärt Weil im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der ehemalige Regierungschef betont dabei besonders die professionelle Übergabe, die ohne größere Probleme verlaufen sei.
Der langjährige Ministerpräsident räumt der SPD unter Lies sogar gute Chancen für die anstehende Landtagswahl 2027 ein: „Es sind schwierige Zeiten – im Allgemeinen und für die SPD im Besonderen. Olaf Lies und sein Team haben dennoch aufgrund ihrer Arbeit und des bürgernahen Auftretens gute Aussichten, bei den nächsten Landtagswahlen bestätigt zu werden.“
Umfragen zeigen knappes Rennen
Aktuelle Umfragen bestätigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU in Niedersachsen. Während die Sozialdemokraten zuletzt knapp hinter oder gleichauf mit der CDU von Oppositionsführer Sebastian Lechner lagen, verfügt Lies als jahrelanges Regierungsmitglied über deutlich höhere Bekanntheitswerte. Allerdings fällt es vielen Niedersachsen noch schwer, ein Urteil über den neuen Ministerpräsidenten zu fällen.
Eine Allensbach-Umfrage zu Jahresbeginn zeigte:
- 24 Prozent halten Lies für einen guten Weil-Nachfolger
- 16 Prozent äußern sich kritisch
- 60 Prozent machen keine Angabe
Gründe für den vorzeitigen Rückzug
Die CDU hatte Weil nach dessen Rückzug einen Wortbruch und taktisches Manöver vorgeworfen, nachdem dieser über Jahre beteuert hatte, bis zur nächsten Wahl im Amt zu bleiben. Weil wies diesen Vorwurf zurück, räumte aber ein, dass auch das schlechte Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl 2025 eine Rolle gespielt habe.
„Das ist nicht gut für mich, das ist nicht gut für das Land und für die SPD übrigens auch nicht“, begründete Weil damals seine Entscheidung. Er habe erkannt, dass ein Weiterarbeiten unter diesen Umständen nicht sinnvoll sei.
Neue Rollen: Hinterbänkler und Podcaster
Sein Landtagsmandat für den Wahlkreis Hannover-Buchholz hat Weil unterdessen behalten und will es als Hinterbänkler bis zur Niedersachsen-Wahl 2027 weiterführen. „Dann ist allerdings tatsächlich Schluss“, betonte er bereits im Dezember.
Vor wenigen Wochen startete Weil zusammen mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Christoph Willeke den Podcast „...und jetzt?“. Erste prominente Gäste waren Verteidigungsminister Boris Pistorius, der unter Weil lange Innenminister in Niedersachsen war, und der Soziologe Steffen Mau.
„Ein Podcast bietet die Chance, mit relativ einfachen Mitteln erstaunlich viele Menschen für politische Themen zu erreichen“, erklärt Weil seine Motivation. „Für mich ist das eine ganz neue Erfahrung, die mir großen Spaß macht. Natürlich bin ich kein politisches Neutrum, aber es geht nicht in erster Linie um mich. Christoph Willeke und ich wollen mit interessanten Gästen ein Diskussionsforum anbieten, das durch gute Gespräche überzeugt und für Politik und Demokratie wirbt.“
Die „Braunschweiger Zeitung“ kritisierte nach der ersten Folge allerdings: „Es fehlt an Würze, an temperamentvoller Argumentation mit- und gegeneinander.“
Historische Einordnung der Amtszeit
Stephan Weil war von Februar 2013 bis März 2025 Ministerpräsident von Niedersachsen. Eine längere Amtszeit gelang in dem Bundesland nur einem Politiker: Ernst Albrecht. Der CDU-Politiker und Vater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen regierte ganze 14 Jahre lang.
Heute, ein Jahr nach seinem Rückzug, zeigt sich Stephan Weil zufrieden mit der Entwicklung. Während er die politische Bühne als Regierungschef verlassen hat, bleibt er als Abgeordneter und Podcaster weiterhin politisch aktiv und beobachtet die Entwicklung unter seinem Nachfolger mit wohlwollendem Interesse.



