Razzia gegen Neonazi-Jugendgruppen in Berlin und Brandenburg
Razzia gegen Neonazi-Jugendgruppen in Berlin und Brandenburg

Mit einer groß angelegten Razzia ist die Bundesanwaltschaft gegen 36 mutmaßliche Mitglieder von Neonazi-Gruppierungen vorgegangen. Darunter befinden sich neun Personen aus Berlin und Brandenburg. Die Ermittlungen richten sich gegen die Jugendorganisationen „Jung und Stark“ sowie „Deutsche Jugend Voran“, die seit 2024 in Erscheinung treten und über Social-Media-Plattformen vernetzt sind.

Vorwürfe: Bildung einer kriminellen Vereinigung

Den Beschuldigten wird die Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Die Durchsuchungen mit rund 600 Polizeikräften in zwölf Bundesländern wurden von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe angeordnet. Die Gruppen sollen unter anderem für Gewalttaten gegen Angehörige der linken Szene verantwortlich sein, die sie laut Ermittlungsbehörde für pädophil hielten. „Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon“, teilte die Behörde mit. Zudem mobilisierten die Gruppen gegen Christopher Street Days und die queere Community.

Bundesjustizministerin warnt vor rechtsextremer Bedrohung

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig sprach von einer „gesamtdeutschen Bedrohung durch gewaltorientierten Rechtsextremismus“. Der Verfassungsschutz warnt seit längerem vor einer Radikalisierung rechtsextremer Jugendgruppen über Internet-Plattformen. Die Razzia zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

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Durchsuchungen in mehreren Landkreisen Brandenburgs

In Brandenburg stehen fünf Personen im Visier der Ermittler. Durchsuchungen gab es in den Landkreisen Dahme-Spreewald, Spree-Neiße, Havelland, Teltow-Fläming und Potsdam. In Berlin handelt es sich um vier Beschuldigte, in Sachsen um fünf. Bei den bundesweiten Ermittlungen geht es um den Verdacht, dass die Beschuldigten herausgehobene Mitglieder der beiden Gruppierungen seien. Den meisten Beschuldigten wird Rädelsführerschaft zur Last gelegt. Gegen acht Beschuldigte wird auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Der jüngste Beschuldigte soll 16 Jahre alt sein. Festnahmen seien nicht geplant, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

Forscher: Gruppengröße überschaubar, aber Gewaltkultur

Der Potsdamer Politologe Christoph Schulze von der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ) sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Gruppen „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung und stark“ richteten sich gegen „alles, was als links und Antifa“ wahrgenommen werde, sowie gegen die LGBTIQ-Community. Die „Deutsche Jugend Voran“ sei im Zusammenhang mit Protesten gegen CSD-Veranstaltungen in Ostdeutschland aufgefallen, wo sie aggressiv aufgetreten sei und menschenverachtende Parolen wie „HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch“ gerufen habe.

Laut Schulze ist die Größe der Gruppen überschaubar. Es gehe um „ein paar Dutzend stärker eingebundene Mitglieder“, dazu kämen Sympathisanten. Die Gruppen seien organisatorisch noch nicht gefestigt, aber es herrsche eine „Gewaltkultur“. Das Vorgehen der Bundesanwaltschaft schwäche diese Gruppen, so Schulze. „Aber die generellen Räume für rechtsextreme Tendenzen in der Jugend wird man mit solchen Maßnahmen nicht aufhalten können.“ Der Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung sei ein „scharfes Schwert“. „Es wird sich zeigen müssen, ob sich das erhärten lässt.“

Anti-CSD-Proteste und Gewalttaten in Brandenburg

Bei einer Gegendemo zum CSD in Falkensee im Sommer trugen Mitglieder T-Shirts mit der Aufschrift: „Aktivistisch“, „heimattreu“ und „kampfbereit“. Auch in Bernau protestierte die „Deutsche Jugend voran“ gegen die Parade der queeren Community. Immer wieder gingen Polizei und Staatsanwaltschaft in Berlin und Brandenburg mit Durchsuchungen gegen mutmaßliche Mitglieder vor. Das Berliner Landgericht verurteilte im April 2025 einen Rädelsführer unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu drei Jahren und drei Monaten Haft.

Auch die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ stand im Visier der Bundesanwaltschaft. Sie soll für einen Brandanschlag auf ein Kulturhaus in Altdöbern 2024 verantwortlich sein sowie für einen versuchten Anschlag auf ein Asylbewerberheim in Schmölln (Thüringen) und Anschlagspläne für eine Asylunterkunft in Senftenberg (Brandenburg).

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