Im Drama um den gestrandeten Buckelwal in der Ostsee vor der Insel Poel gibt es eine überraschende Wende. Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund hat am Montagnachmittag mitgeteilt, dass es das Tier im Todesfall nicht mehr selbst obduzieren werde. Dabei hatte die Einrichtung Anfang April bereits eine entsprechende Genehmigung erhalten.
Unabhängigkeit in Frage gestellt
Der Grund für den Rückzug ist heikel: Die Genehmigung sei zu einem Zeitpunkt erteilt worden, als das Meeresmuseum noch wissenschaftlich beratend, koordinierend und aktiv begleitend in die Maßnahmen für den Buckelwal eingebunden gewesen sei, heißt es in der Mitteilung. Nach der Duldung einer privaten Initiative zur Lebendbergung und den anschließenden Manipulationen am Wal sei nun eine unabhängige, forensische Obduktion erforderlich.
Die Einrichtung ist zwar nach wie vor unabhängig, sorgt sich jedoch darum, als solche nicht mehr zu gelten, wie eine Pressesprecherin auf Nachfrage erklärte. Daher müsse die Obduktion nun von jemandem durchgeführt werden, der bislang in keiner Weise mit den Vorgängen rund um den Buckelwal in der Ostsee zu tun gehabt habe.
Klare Trennung von frühen und späteren Maßnahmen
Das Meeresmuseum zieht damit eine klare Linie zwischen der frühen Phase des Einsatzes und der späteren Rettungsinitiative. Anfangs waren die Stralsunder Fachleute in den Fall involviert, als der Buckelwal Anfang März in der Ostsee in Fischereigerät verfangen aufgefunden wurde. Damals konnten Helfer einen Großteil der Leinen- und Netzteile entfernen.
Auch danach spielte das Meeresmuseum eine wichtige Rolle: Es beriet wissenschaftlich, begleitete Maßnahmen und war an der fachlichen Einschätzung des Gesundheitszustandes beteiligt. Diese Einschätzung fällt weiterhin deutlich aus: Der Wal solle größtmögliche Ruhe bekommen und ausschließlich palliativ versorgt werden. Weitere Eingriffe am Tier sollten unterbleiben.
Gesundheitszustand und Risiken einer Bergung
Die wiederholten Strandungen sprechen aus Sicht des Meeresmuseums für ein ernstes Gesundheitsproblem. Der Allgemeinzustand des Buckelwals habe sich weiter verschlechtert. Die Erfolgsaussichten einer Lebendbergung seien aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes und der insgesamt schlechten Prognose sehr gering.
Gleichzeitig warnt die Einrichtung vor erheblichen Risiken: Eine Bergung könne den Wal weiter verletzen, und ein mehrtägiger Transport bedeute enormen Stress. Besonders kritisch wird der Transport in einer Metallbarge gesehen, da die starke Schallreflexion zu einer sehr hohen Lärmbelastung führen würde.
Notwendigkeit einer Obduktion und weiterer Schutz
Sollte der Wal sterben, hält das Meeresmuseum eine Untersuchung weiterhin für dringend erforderlich. Nur so ließen sich Erkrankungen und Todesursache feststellen. Diese Untersuchung müsse innerhalb weniger Tage erfolgen, bevor die Zersetzung der Organe zu weit fortgeschritten sei.
Die Stralsunder Einrichtung verweist zudem auf die größere Dimension des Falls: Die Anteilnahme am Schicksal des Buckelwals müsse Anlass sein, den Schutz von Schweinswalen und anderen Meeressäugern in Nord- und Ostsee zu verbessern. Der Schweinswal ist die einzige heimische Walart der Ostsee. Die Population der zentralen Ostsee umfasse nur noch wenige hundert Tiere und sei akut vom Aussterben bedroht.



