Jugendwerkhof-Opfer blickt zurück: Trauma und ambivalente Erinnerungen an die DDR
Andreas Horn feierte kürzlich seinen 55. Geburtstag. Der geschiedene Servicetechniker bei TSG Deutschland führt heute ein geordnetes Leben – doch seine Jugend war von schwerem Unrecht geprägt. Im Gespräch mit dem Nordkurier berichtet er über seine Zeit im Jugendwerkhof Gerswalde in der Uckermark und den langen Weg zur Rehabilitation.
Systematische Umerziehung in DDR-Heimen
Laut der Bundesstiftung Aufarbeitung existierten in der DDR mehr als 70 Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe. Diese Einrichtungen dienten der Umerziehung zu sogenannten sozialistischen Persönlichkeiten. Für viele der dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen gehörten Zwang, Gewalt und Freiheitsbeschränkungen zum Alltag. Die Stiftung betont, dass den Heranwachsenden Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten verwehrt wurden, was ihren weiteren Lebensweg nachhaltig beeinflusste.
„Die damals erlittenen psychischen und physischen Traumata prägen das Leben der Betroffenen vielfach bis heute“, heißt es in den Dokumenten der Aufarbeitungsstiftung. Nach der Wende ergaben Recherchen, dass mehr als 300.000 Kinder diesen Repressalien ausgesetzt waren. Viele wurden als politisches Druckmittel aus ihren Familien gerissen und einem System unterworfen, das von militärischem Drill, Gewalt und Willkür geprägt war.
Persönliches Leid im Jugendwerkhof „Neues Leben“
Andreas Horns persönliches Trauma spielte sich im uckermärkischen Gerswalde ab. Der Jugendwerkhof trug den zynischen Namen „Neues Leben“ und wurde erstmals im November 1955 erwähnt. Die Einrichtung begann mit 80 Plätzen und expandierte bis 1963 auf 130 Plätze, später kamen Außenstellen in Suckow und Fredenwalde hinzu. Die meisten Einweisungen erfolgten aus Berlin.
Über den konkreten Alltag im Jugendwerkhof möchte Horn nicht im Detail sprechen – die Erinnerungen sind zu schmerzhaft. Beruflich hatte er jedoch Glück im Unglück: „Gelernt habe ich damals unter anderem auch im Landtechnischen Instandsetzungswerk, mit dem der besagte JWH einen Vertrag hatte. Wir waren dort die Billigarbeitskräfte“, erinnert er sich. Der Weg zur Rehabilitation war langwierig: „Es hat lange gebraucht und gedauert, bis ich rehabilitiert wurde.“
Späte Anerkennung und ambivalente Gefühle
Erst seit dem vergangenen Jahr erhält Andreas Horn eine Opferrente. An die Redaktion wandte er sich nach der Veröffentlichung eines Artikels über DDR-Kindheitserfahrungen. Das Thema Jugendwerkhöfe war in der DDR ein Tabu: „Viele wussten nicht einmal, dass es solche Einrichtungen gab. Ich selbst habe sogar noch Jugendliche kennengelernt, die im JWH Torgau untergebracht waren, das war das Schlimmste, was einem jungen Menschen passieren konnte.“
Trotz des erlittenen Unrechts kann und will Andreas Horn nicht ausschließlich negativ über die DDR sprechen: „Es gab auch vieles, was gut war und heutzutage ein wenig fehlt.“ Laut Umfragen vermissen viele Ostdeutsche soziale Sicherheit, verlässliche Kinderbetreuung, Gemeinschaftsgefühl, gute Bildung und respektvollen Umgang miteinander. Interessanterweise bezeichneten 1990 noch 72 Prozent der Ostdeutschen in einer Allensbach-Umfrage ihre Lebensumstände in der DDR als unerträglich – erst später wurden die Beurteilungen milder.
Die Geschichte von Andreas Horn steht exemplarisch für das Schicksal Tausender, die in DDR-Umerziehungseinrichtungen leiden mussten, während sie gleichzeitig ambivalente Erinnerungen an bestimmte Aspekte der untergegangenen Gesellschaft bewahren.



