Großübung in Vorpommern: Rettungskräfte meistern Zugunglück mit Gefahrgut und Passagieren
Großübung: Zugunglück mit Gefahrgut in Vorpommern (09.03.2026)

Katastrophenübung in Vorpommern: Zugkollision mit Gefahrgut fordert Rettungskräfte heraus

Im Landkreis Vorpommern-Greifswald fand am Wochenende eine beispiellose Rettungsübung statt, die hunderte Einsatzkräfte vor immense Herausforderungen stellte. An der Bahnstrecke zwischen Lubmin und Greifswald, nahe der B109-Brücke nördlich von Diedrichshagen, inszenierten die Verantwortlichen ein Schreckensszenario, das in seiner Komplexität für die Region bisher einmalig ist.

Dramatisches Übungsszenario mit mehreren Unfällen

Das durchdachte Szenario begann mit einer Lokomotive, die einen die Schienen kreuzenden Pkw rammte. Der Zug war mit einem Behälter voller Salpetersäure beladen – einem gefährlichen Gefahrgut. Doch damit nicht genug: Kurz nach dieser ersten Kollision fuhr ein Triebwagen mit etwa 40 Passagieren in die bereits chaotische Unfallstelle hinein.

Die Folge waren zahlreiche Verletzte unter den Fahrgästen, den Autoinsassen und dem Lokführer. Zusätzlich trat aus dem beschädigten Gefahrguttank langsam Salpetersäure aus, was die Situation weiter eskalieren ließ. „Diese Kombination aus Schienenfahrzeugen, vielen Betroffenen und der Säure erzeugt nicht alltägliche Herausforderungen“, erklärte Thomas Putzar von der Technischen Einsatzleitung Vorpommern-Greifswald, der maßgeblich an der Vorbereitung beteiligt war.

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Besondere Schwierigkeiten bei der Zugrettung

Die Sicherung der Unfallstelle gestaltete sich außerordentlich kompliziert. „Die Schwierigkeit dabei ist, der Zug muss gesichert werden. Wie wir einen Pkw sichern, wie wir einen Lkw sichern, wie wir einen Bus sichern, das wissen wir“, so Putzar. Doch ein Zug stellte eine völlig andere Dimension dar – sowohl was mögliche Personen- und Sachschäden angeht, als auch die Sicherheit der Retter selbst.

Kritische Fragen mussten geklärt werden: Wie wird ein Zug stromlos gemacht? Wie wird ein Diesel ausgeschaltet? Wie wird der Lokführer gerettet? Zudem betonte Putzar, dass in solchen Fällen nur mit einer zeitlich verzögerten Hilfe zu rechnen sei: „Bevor überhaupt jemand von unseren Leuten die Gleise betritt, muss eine Freigabe von der Deutschen Bahn kommen.“ Bei elektrifizierten Strecken komme wegen der Stromschlaggefahr noch eine weitere Komplikation hinzu.

Umfangreiche Vorbereitungen und Beteiligte

Die Vorbereitungen für diese Großübung liefen gut ein Jahr. Ein stetig wachsender Kreis von Einsatzkräften wurde einbezogen. Neben etwa einem Dutzend Feuerwehren mit mehr als 120 Kameraden und Kameradinnen beteiligten sich:

  • Das Deutsche Rote Kreuz (DRK)
  • Das Technische Hilfswerk (THW)
  • Landes- und Bundespolizei
  • Die Deutsche Bahn mit wichtiger Informationsarbeit

Insgesamt waren schätzungsweise zweihundert Einsatzkräfte von Kommunen und Landkreis involviert, dazu Hilfsorganisationen und Polizei in jeweils zweistelliger Zahl sowie etwa 50 Statisten, die die Verletzten darstellten.

Herausforderungen bei der Menschenrettung

Die Bergung der rund 40 Personen aus dem Triebwagen erwies sich als schwierig und zeitaufwendig. Die geretteten Fahrgäste wurden zunächst an einem Feld- und Wegrand gesammelt und provisorisch betreut. Anschließend ging es zur von Medizinern errichteten Sichtungsstelle, wo die Triage angewendet wurde – eine Methode zur Priorisierung von Behandlungen nach Schwere der Verletzungen.

Jeder Verletzte erhielt eine Karte mit Vermerk seines Zustands. Nur wenige Schritte weiter war ein lokaler Behandlungsplatz mit Feldbetten und mobilen Pavillons eingerichtet, da der Weitertransport in umliegende Kliniken nur schrittweise erfolgen konnte.

Komplexe technische Rettungsarbeiten

Besonders anspruchsvoll gestaltete sich die Sicherung des hochkant vor der Lok aufgerichteten Autos und die Rettung seiner Insassen. Die auf den Vordersitzen ließen sich in dieser Lage nicht gefahrlos herausholen – erst nach dem Absenken des Wagens auf die Räder war dies möglich.

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Parallel kümmerte sich der Gefahrgutzug des Landkreises um die auslaufende Salpetersäure. Die Einsatzkräfte errichteten ihre Basis auf der anderen Seite der Unglücksstelle, um ausreichend Platz für Equipment und eine Dekontaminationsschleuse zu haben. Die Arbeiten im Chemieschutzanzug erwiesen sich als extrem schwierig, zumal ein Helfer seine Spezialkleidung beschädigte und selbst in Not geriet.

Politisches Interesse und realistische Darstellung

Auch in der Politik stieß die Übung auf großes Interesse. Innenminister Christian Pegel (SPD) besuchte persönlich die Übungsstelle in Diedrichshagen, um sich ein Bild von den Abläufen zu machen.

Besonders beeindruckend war die realistische Darstellung durch die Statisten. Kinder, die die Verletzten im Triebwagen mimten, setzten den „echten“ 112-Notruf ab und spielten ihre Rollen teilweise so überzeugend, dass manchen Rettern bewusst wurde, welche psychischen Belastungen ein solcher Ernstfall mit sich bringen würde.

Diese Großübung hat gezeigt, wie komplex und anspruchsvoll die Rettungsarbeiten bei einem echten Zugunglück mit Gefahrgutbeteiligung wären – und wie wichtig regelmäßige, realistische Übungen für die Einsatzkräfte sind.