Außenminister Wadephul in Halle: „Die Frage ist, wie viele Menschen noch sterben müssen“
Im Festsaal der Leopoldina in Halle herrschte am Montagabend eine besondere Atmosphäre: 340 Gäste waren zum Diplomatischen Salon der Genscher-Stiftung gekommen, um Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) zuzuhören. Weitere 100 Interessierte mussten abgewiesen werden – ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr das Thema Außenpolitik in diesen unsicheren Zeiten die Menschen bewegt.
Genscher als diplomatisches Vorbild
Johann Wadephul trat zwar im dunklen Anzug mit gestreifter Krawatte auf, doch inhaltlich bezog er sich deutlich auf seinen berühmten Vorgänger Hans-Dietrich Genscher (FDP). „Immer, wenn es gefährlich wird, gebe ich eines dieser Genscher-Interviews“, sagte der 63-jährige Minister unter dem Lachen des Publikums. Er erinnerte sich an seine erste Begegnung mit Genscher im Fernsehen als junger Mann: „Da meinte ich zu meinem Vater: ‚Aber der hat ja eigentlich gar nichts Konkretes gesagt.‘“ Die Antwort des Vaters prägte ihn: „Das ist Diplomatie!“
Diplomatie als einziger Ausweg aus den Konflikten
Wadephul nahm in seiner Diskussion mit Cornelia Pieper, der Vorsitzenden der Genscher-Stiftung, klare Positionen zu den aktuellen Brandherden der Weltpolitik ein. Sein zentraler Satz des Abends: „Beide Konflikte werden nicht durch Waffen, sondern durch Worte beendet.“ Damit bezog er sich sowohl auf den Krieg in der Ukraine als auch auf die Eskalation im Nahen Osten.
Der Minister betonte die entscheidende Rolle Europas: „Ohne uns wird es in beiden Konflikten keine Lösung geben.“ Allerdings machte er auch deutlich, dass Deutschland derzeit keine eigenen Friedensinitiativen plane. Stattdessen setze er auf eine zurückhaltende, aber stets ansprechbare Haltung: „Ich muss offen und ansprechbar sein und für die deutschen Interessen einstehen: Sicherheit, Frieden und Wohlstand.“
Die bittere Realität der Kriege
Ein besonders ernster Moment entstand, als Wadephul nüchtern feststellte: „Beide Kriege werden nicht auf dem Schlachtfeld entschieden. Die Frage ist, wie viele Menschen noch sterben müssen.“ Diese Aussage unterstrich die Dringlichkeit diplomatischer Bemühungen, während gleichzeitig die menschlichen Kosten der Konflikte deutlich wurden.
Deutsche Zurückhaltung im Persischen Golf
Eine deutsche militärische Beteiligung im Persischen Golf lehnte der Außenminister entschieden ab. „Die Straße von Hormus werde nicht passierbar, wenn man deutsche Schiffe schicke“, argumentierte er. Wadephul, der selbst Reserveoffizier ist, stellte klar: „Nichts gegen die Bundeswehr, ich bin selber Reserveoffizier. Aber wenn die USA das nicht hinkriegen, warum dann wir?“
Stattdessen setzt er auf intensive diplomatische Kontakte. Auf der Fahrt nach Halle telefoniere er noch mit seinem brasilianischen Kollegen, am Vorabend mit dem indischen Außenminister. „Wir sind alle auf Hochtouren, weil wirklich was los ist in der Welt“, beschrieb er die aktuelle Lage.
Kritik an den USA und Abgrenzung von Baerbock
Wadephul äußerte auch vorsichtige Kritik an der US-Außenpolitik: „Es gibt manche Äußerungen des US-Präsidenten, die ich nicht verstehe, und wo ich den Kopf schüttele.“ Seine Aufgabe sehe er darin, „eine gewisse Ruhe“ zu bewahren: „Die Welt wird nicht besser und sicherer, wenn wir auch noch jede Umdrehung mitmachen.“
Deutlich grenzte sich der CDU-Politiker von seiner Vorgängerin Annalena Baerbock (Grüne) und deren Konzept einer „feministischen Außenpolitik“ ab. Er verstehe sich eher „nicht als Besserwisser, sondern als ehrlicher Makler“. Pragmatisch vertrete er die Interessen Deutschlands in der Welt. Würde er nur mit Staaten sprechen, die Menschenrechte und Pressefreiheit vorbildlich umsetzten, „dann hätte ich viel Freizeit“.
Das Erbe Hans-Dietrich Genschers
Der Diplomatische Salon fand zum zweiten Mal statt und dient dem Ziel, das diplomatische Erbe Hans-Dietrich Genschers zu ehren und zu pflegen. Genscher, 1927 im heute zu Halle gehörenden Reideburg geboren, war mit 18 Jahren Amtszeit Rekord-Außenminister der Bundesrepublik und gilt als einer der Architekten der Deutschen Einheit.
Cornelia Pieper, die frühere Staatsministerin im Auswärtigen Amt und heutige Vorsitzende der Genscher-Stiftung, kündigte an, dass das Bundesfinanzministerium im kommenden Jahr zu Genschers 100. Geburtstag eine Briefmarke und eine Münze zu seinen Ehren herausbringen werde. Am kommenden Dienstag jährt sich der Todestag des legendären Diplomaten zum zehnten Mal.
Der Abend in Halle zeigte: In einer Welt voller Konflikte und Unsicherheiten bleibt die Diplomatie unverzichtbar – auch wenn ihre Erfolge manchmal langsam und unsichtbar erscheinen mögen.



