Ukrainische Drohnenangriffe treffen die russischen Nachschubrouten im Süden der Ukraine empfindlich. Die Lage auf der Krim und in besetzten Teilen der Region Cherson erinnert Beobachter an den Herbst 2022, als Russland die Stadt Cherson räumen musste. Damals kappten die Ukrainer die Versorgungsrouten der Invasoren. Ein ähnliches Szenario zeichnet sich jetzt ab.
Versorgungskrise auf der Krim
Der von Moskau eingesetzte Gouverneur der Krim, Sergej Aksjonow, musste in den vergangenen Tagen mehrfach schlechte Nachrichten verkünden. Seit Sonntag dürfen Tankstellen kein Benzin mehr an Privatleute verkaufen. Ferienlager für Kinder sind bis September ausgesetzt. Der öffentliche Nahverkehr ist eingeschränkt, der Fährverkehr gestoppt. Der Strom fällt immer wieder aus. Die Notlage für Bewohner und russische Touristen auf der seit 2014 besetzten Halbinsel gilt als Indiz für eine mögliche Wende der militärischen Lage im Süden.
„Die Situation erinnert an den Herbst 2022“, sagt Oleksandr Tolokonnykow, Sprecher der ukrainischen Militärverwaltung von Cherson. Damals mussten die russischen Streitkräfte aus der Stadt Cherson abziehen, der einzigen ukrainischen Regionalhauptstadt, die sie nach ihrer Invasion im Februar 2022 einnehmen konnten. „Sie mussten sich zurückziehen, weil wir ihre Versorgungsrouten gekappt hatten.“
KI-gesteuerte Drohnen attackieren Nachschub
In diesem Jahr gelingen den Ukrainern seit mehreren Wochen erneut empfindliche Schläge gegen die russischen Nachschubrouten im Süden. Vor vier Jahren trafen von den USA gelieferte Himars-Raketenwerfer die Moskauer Logistik. Jetzt kommen vor allem KI-unterstützte Mittelstreckendrohnen des Typs Hornet aus ukrainischer Produktion zum Einsatz. Immer wieder attackieren ukrainische Drohnenpiloten die Hauptversorgungsroute R-280 zwischen Rostow am Don und Simferopol auf der Krim. Videos zeigen reihenweise brennende Lastwagen.
Die Brücken bei Henitschek, Tschonhar und Armjansk, über die von der Krim Nachschub in den besetzten südlichen Teil der Cherson-Region läuft, sind in den vergangenen Wochen schwer beschädigt worden. Auf der Halbinsel brennen Munitions- und Treibstoffdepots. Mehrere Fähren und Flugabwehrsysteme wurden getroffen. Es gibt Hinweise, dass die Ukrainer erneute Angriffe auf die symbolisch wie strategisch wichtige Kertsch-Brücke planen, die das russische Festland mit der Krim verbindet.
Besatzer werden unruhig
Tolokonnykow warnt jedoch vor Euphorie: „2022 war es einfacher. Heute gibt es mehr Landrouten für die Versorgung. Man kann die Logistik nicht komplett unterbrechen.“ Eine Bodenoffensive in den besetzten Süden hinein sei angesichts des ukrainischen Personalmangels und der gut ausgebauten russischen Verteidigungsstellungen nicht vorstellbar. Dennoch scheinen die Besatzer unruhig zu werden. In Henitschek im Süden der Region Cherson „packen die Behörden ihre Unterlagen und Archive und verlegen sie auf die Krim“, so Tolokonnykow.
Menschen in der Stadt Cherson, die Kontakt zu Bewohnern in besetzten Orten haben, berichten von leeren Regalen und Plünderungen durch russische Soldaten. „Es gibt viele Gerüchte“, sagt Vadym Melnyk, Direktor der städtischen Verkehrsbetriebe in Cherson. „Es ist ein Gefühl, das an 2022 erinnert.“ Auch damals begannen die Gerüchte und Berichte über russische Nachschubprobleme im Sommer. Wenige Monate später räumten die Russen die besetzte Stadt Cherson.
Rückzug von der Kinburn-Nehrung
In der Region Mykolajiw sollen russische Soldaten in den vergangenen Tagen aufgrund logistischer Probleme gezwungen worden sein, sich von der Kinburn-Nehrung zurückzuziehen. Von dieser Landzunge im Schwarzen Meer hatten die Russen in den vergangenen Jahren immer wieder Angriffe gegen die Hafenstadt Otschakiw und andere Teile der Region durchgeführt.
Für die Menschen in der Region Cherson wäre ein Rückzug der russischen Truppen das Ende eines jahrelangen Albtraums. Seit dem Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 sind allein in der Regionalhauptstadt nach Behördenangaben 683 Zivilisten getötet worden, die meisten durch Beschuss nach der Befreiung. Fast 5000 Menschen wurden verletzt.
Erfolge bei Orichiw
Auch weiter östlich herrscht im Süden verhaltener Optimismus. Vor wenigen Wochen vermeldete das ukrainische Oberkommando militärische Erfolge im Raum Orichiw südöstlich der Großstadt Saporischschja, konkret die Befreiung der Ortschaft Nowoseliwka und umliegender Dörfer. An der Operation beteiligt waren Einheiten der 31. Motorisierten Brigade. „In Nowoseliwka gibt es keine feindlichen Soldaten mehr, wir haben dort bereits im vergangenen Jahr Stabilisierungsmaßnahmen durchgeführt und unsere Positionen ausgebaut und gut befestigt“, erklärt der stellvertretende Kommandeur eines Bataillons der Brigade. Die letzten russischen Soldaten seien im März in dem Dorf gefangengenommen worden.
Veränderte russische Taktik
Der 28-jährige Offizier mit dem Funknamen „Fidel“ berichtet von einer Veränderung der russischen Angriffstaktik: „Jetzt schicken sie ein, zwei Leute, die versuchen, Positionen zu errichten, um dann größere Trupps anzusammeln.“ Sämtliche russischen Offensivversuche in der Region seien in diesem Jahr gescheitert. Zuletzt sei eine Infanterie-Brigade der russischen Marine zerschlagen worden. Die russischen Truppen seien in keinem guten Zustand: „Wenn wir ihren Funk abhören, bekommen wir mit, dass sie Verwundete haben, einen Mangel an Wasser und Munition.“ Auch er glaubt, dass sich die Situation im Süden zugunsten der Ukrainer entwickelt: „Ich habe das Gefühl, dass es etwas besser wird, aber es ist Krieg und im Krieg ist nichts einfach.“
Schwierige Lage im Osten
Deutlich schwieriger ist die Situation für die ukrainischen Streitkräfte an den Frontabschnitten im Osten des Landes. In der Region Donezk scheint der Fall der strategisch wichtigen Stadt Kostjantyniwka nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Russischen Infiltrationstrupps sind bereits Vorstöße auf das Stadtgebiet gelungen. Den Verteidigern droht die Einkesselung. Sollte Kostjantyniwka fallen, könnten die russischen Streitkräfte auf Slowjansk und Kramatorsk vorstoßen.
Aber auch in der Region Donezk melden ukrainische Kräfte erfolgreiche Operationen. Ein Offizier der Drohneneinheiten des 1. Korps der Nationalgarde „Asow“ berichtet, man könne nun durch den Einsatz von Mittelstreckendrohnen Massenangriffe tief im feindlichen Hinterland durchführen: „Es gibt keine sicheren Zonen mehr, in denen militärische Versorgungsgüter transportiert oder gelagert werden können, und feindliches Personal kann sich nirgendwo mehr sicher fühlen.“
Drohnen reduzieren russische Logistik um 50 Prozent
Die Transportrouten zwischen den Logistikzentren im besetzten Teil der Region Donezk und den russischen Frontverbänden stünden jetzt unter systematischer ukrainischer Feuerkontrolle. „Dadurch konnte in diesem Gebiet die gesamte logistische Durchsatzkapazität des Gegners um mehr als 50 Prozent reduziert werden, was seine Fähigkeit, Ressourcen für Kampfhandlungen anzusammeln, erheblich einschränkte.“ Der Offizier macht deutlich: „Fehlt Treibstoff, können Generatoren an den Stellungen nicht betrieben werden, wodurch Batterien für Kommunikationsausrüstung und UAVs nicht geladen werden können. Die Zerstörung von Munitionsfahrzeugen stört die Versorgung der Artilleriestellungen mit Munition.“ Allerdings räumt er ein: „Aus allgemeiner militärischer Sicht sind Angriffe mit Drohnen mittlerer Reichweite allein nicht in der Lage, den Gegner zum Rückzug aus seinen Stellungen zu zwingen.“ Die Attacken hätten vor allem eine unterstützende Funktion: „Sie machen das Halten von Positionen und den Versuch, vorzurücken, für den Gegner möglichst ressourcenintensiv.“



