US-Präsident Donald Trump soll mit Fifa-Präsident Gianni Infantino telefoniert und so die Aufhebung der Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun erwirkt haben. Dies berichten mehrere Medien übereinstimmend, darunter „The Athletic“ und die Nachrichtenagenturen AP und AFP. Der Vorgang wäre in der Geschichte des Profifußballs einmalig und könnte weitreichende Auswirkungen haben.
Ein historisches Novum im Weltfußball
„Seit Jahrzehnten eilt der Fifa ihr Ruf voraus, Autokraten zu hofieren und selbst nicht demokratisch organisiert zu sein“, sagt Mahir Tokatlı, Politikwissenschaftler vom Institut für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen University. „Der Weltverband stellt das Finanzielle über das Sportliche, doch dieser Vorgang ist ein Novum: Noch nie wurde die Kumpelschaft von Trump und Infantino so offensichtlich zur Schau gestellt wie jetzt.“ Sollte Trump tatsächlich Infantino angerufen haben, wäre das für Tokatlı der „finale Beweis dafür, dass die Fifa die eigenen Regeln für politische Gefälligkeiten missachtet“.
Balogun hatte zuvor im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina eine Rote Karte erhalten. Damit war er automatisch für mindestens ein Spiel gesperrt, so besagt es Artikel 10.5 der Fifa-Turnierregeln. Der Offensivspieler gehört jedoch zu den absoluten Schlüsselspielern der Mannschaft, sein Fehlen hätte die Chancen der US-Amerikaner im Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht auf Dienstag sicherlich geschmälert.
Trump mischte sich bereits öfter in den Profifußball ein
So sahen es offenbar auch die US-Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, die Leiter der WM-Taskforce des Weißen Hauses. Einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge sollen sie nach dem besagten Spiel mehrere Telefonkonferenzen mit Trump organisiert haben, und als diese Versuche misslangen, soll Trump selbst zum Hörer gegriffen und Infantino kontaktiert haben.
„Das wäre ein massives Eingreifen in den Wettbewerbscharakter und das Spielgeschehen“, so Tokatlı. Ihn überrascht das Vorgehen jedoch nicht, angesichts der engen Freundschaft, die Trump und Infantino seit Jahren pflegen und deren Höhepunkt die Verleihung des eigens für Trump geschaffenen Friedenspreises im vergangenen Dezember bildete.
Infantino sucht Nähe zu Autokraten
„Infantino hat keine Berührungsängste mit Autokraten, ganz im Gegenteil. Er sucht ihre Nähe“, sagt Tokatlı. Bereits bei seiner letzten Wahl zum Fifa-Chef hätten Trump und die USA eine wichtige Rolle gespielt. Nun möchte Infantino seine Amtszeit erneut verlängern, was kontrovers diskutiert wird und weshalb er umso mehr auf Unterstützung angewiesen sein könnte. „Dafür braucht er große, mächtige Befürworter, und Trump könnte einer sein.“
Aus seinem Einmischen in die Regularien des Profifußballs macht Trump derweil kein Hehl, ganz im Gegenteil. Auf seiner Plattform „Truth Social“ schrieb er am Sonntag: „Vielen Dank an die Fifa, dass sie das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht hat!“
Trumps Logik: Rote Karte als Ungerechtigkeit
Aus Sicht von Tokatlı gehe dieses Vorgehen eigentlich „gegen den gesunden Menschenverstand“, denn: „Wenn man schummelt, möchte man das geheimhalten. Aber Trumps Logik ist eine andere: In seiner Welt ist die Rote Karte eine Ungerechtigkeit. Er inszeniert sich jetzt als Verfechter der Gerechtigkeit und will zeigen, was er hinter den Kulissen geleistet hat.“
Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass Trump öffentlich seine enge Beziehung zu Infantino zur Schau stellt. Schon beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2020 plauderte er freimütig aus, dass er bereits vor seiner ersten Wahl zum US-Präsidenten bei der Vergabe der WM involviert gewesen sei. „Noch bevor ich mein Amt antrat, haben wir das auf den Weg gebracht“, sagte er damals. Für Infantino, der in seinem Amt politisch neutral bleiben muss, war dies ein risikoreicher Moment.
Scharfe Kritik aus Belgiens Politik
Aus der belgischen Politik hagelt es nun viel Kritik an der Fifa. Die belgische Sportpolitikerin Jacqueline Galant schrieb auf der Plattform X: „Wahre Stärke liegt darin, mit Fairplay zu gewinnen. Genau das wird Belgien tun.“ Sie sicherte dem belgischen Fußball-Verband ihre „volle Unterstützung“ zu. Die sozialdemokratische Oppositionspartei PS formulierte es noch schärfer: „Schämt euch! Wenn Geld die Fäden zieht, verliert die WM jede Glaubwürdigkeit.“ Weiter hieß es: „Die Regeln anzupassen, um Trump zu gefallen, zu versuchen zu schummeln, um zu gewinnen – welch ein bedauernswertes Bild für die Fifa, die Fußball-WM und die USA.“ Die Regeln müssten von allen respektiert werden, im Sport wie im Leben.
Tokatlı findet die Kritik nachvollziehbar: „Der Vorgang wurde bereits vorher politisiert, daher ist es verständlich, dass sich nun auch die belgische Politik zu Wort meldet.“ Insgesamt halte die belgische Außenpolitik sich mit Blick auf die USA sehr bedeckt. Es handle sich um ein kleines Land, vieles regle man daher über die Europäische Union. „Trotzdem gibt es eine Grundskepsis gegenüber den USA, die durch diesen Vorgang verstärkt wird.“
Auswirkungen auf den Turnierverlauf
Trump nimmt derweil auch auf anderen Ebenen Einfluss auf das Turniergeschehen. So sorgten insbesondere die Einreisebeschränkungen für Spieler, Fans und Unparteiische für viel Kritik. Die Aufhebung der Sperre von Balogun dürfte zahlreichen Anhängern noch weiter die Laune vermiesen. „Fußballromantikern bricht es das Herz. Und es wird immer schwieriger, als aufgeklärter Fan Großturniere wie die WM unkritisch zu begleiten“, sagt Tokatlı.
Er geht dennoch davon aus, dass der Vorfall in den kommenden Tagen im Sande verläuft. So sei es schließlich auch im Vorfeld des Turniers bei Cristiano Ronaldo gewesen, dessen Sperre teilweise ausgesetzt worden war. Statt drei Spielen Sperre musste er nur eins aussetzen und konnte somit direkt beim ersten WM-Spiel Portugals zum Einsatz kommen. „Ronaldo ist ein absolutes Zugpferd. Für den Kommerz der Fifa war es wichtig, dass er dabei ist.“
Die Aufhebung der Sperre von Balogun wurde etwas mehr als 24 Stunden vor dem Spiel gegen Belgien verkündet. Viele Handlungsmöglichkeiten gibt es für den belgischen Fußball-Verband daher nicht mehr. „Jetzt ist die Kritik sehr groß, aber die Fifa hat ein dickes Fell und wird das aussitzen“, so Tokatlı. Nach dem Spiel gäbe es dann die nächsten Aufreger, die im Mittelpunkt der Diskussionen stünden. „Und der Vorfall Balogun wird verpuffen.“



