Der frühere Sportpsychologe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Hans-Dieter Hermann, hat sich nach dem WM-Aus der DFB-Auswahl gegen Paraguay zu Wort gemeldet und sich für eine zweite Chance für Bundestrainer Julian Nagelsmann ausgesprochen. Der 66-Jährige, der von 2004 bis 2024 für die Nationalelf tätig war, sieht Parallelen zu früheren frühen WM-Niederlagen und betont die Notwendigkeit eines stabilen privaten Umfelds für die Spieler.
Hermann sieht Parallelen zu 2018 und 2022
„Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass mich das fatal an unser Ausscheiden in Russland 2018 und auch Katar 2022 erinnert hat“, sagte Hermann im Gespräch mit der Funke Mediengruppe. „Deshalb habe ich einfach mit allen mitgefühlt. Jeder möchte sein Bestes geben, die Menschen glücklich machen und ist auch stolz, das für Deutschland machen zu dürfen. Umso schlimmer ist es dann, mit einem leeren Gefühl abreisen zu müssen.“
Hermann begleitete die Nationalmannschaft bei mehreren Turnieren, darunter das Sommermärchen 2006 unter Jürgen Klinsmann und die Heim-EM 2024 unter Julian Nagelsmann. Seinen Abschied vom DFB hatte er nach der EM 2024 genommen. Nun, zwei Jahre später, blickt er mit Abstand auf das Aus im Achtelfinale der WM 2026 zurück.
Spiel zeigte engagierte, aber nicht dynamische Mannschaft
Zum Spiel gegen Paraguay äußerte sich Hermann differenziert: „Ich habe am Anfang eine sehr engagiert wirkende Mannschaft gesehen, die versucht hat, die Dinge besser zu machen, die griffiger spielte. Ich dachte: Das werden wir hinbekommen.“ Allerdings räumte er ein, dass die Mannschaft phasenweise zu wenig dynamisch agierte und ihre Stärken nicht ausspielen konnte. „Dass die Mannschaft phasenweise zu wenig dynamisch agierte, dass sie ihre Stärken, die in ihr stecken, nicht so ausspielen konnte – ja, das war zu erkennen“, so Hermann.
Er wies darauf hin, dass bei einer WM auch vermeintlich schwächere Gegner über sich hinauswachsen können, weil sie solche Spiele als unwiederbringliche Chance ihres Lebens betrachten. Der Druck in K.-o.-Spielen sei typ- und erfahrungsbedingt unterschiedlich: „Für manche gilt das, für andere nicht zwingend, das ist typ- und erfahrungsbedingt. Es gibt ja diesen Spruch, den man immer mal wieder in den Kabinen hört: Genau für solche Partien spielen wir Fußball. Es ist dann viel mehr eine positive Anspannung als ein negativer Druck.“
Umgang mit Kritik und Häme
Nach einer herben Enttäuschung wie dem WM-Aus prasselt auf Trainer und Spieler viel Kritik und Häme nieder, sowohl in Medien als auch in sozialen Netzwerken. Hermann betont die Bedeutung eines stabilen privaten Umfelds: „Entscheidend ist, dass sie ein gutes privates Umfeld haben, das sie auffängt. Nicht als Fußballer oder Coach, sondern als Sohn, als Freund, Ehemann oder Papa. Das ist die größte Ressource, die man haben kann, um diese Zeit des Trauerns ob der verpassten sportlichen Ziele zu verarbeiten.“
Viele Spieler hätten zudem professionelle Ansprechpartner, etwa Coaches, die ihnen helfen, sich neu zu strukturieren. Allerdings hänge viel von der Persönlichkeit ab: „Manche schaffen es gut, sich abzuschotten. Aber es gibt auch Spieler, die sich den Kopf zermartern oder sich Vorwürfe machen. Selbst verbal angegriffen zu werden, damit können die meisten noch umgehen. Sehr schmerzhaft wird es jedoch, wenn auch das direkte Umfeld betroffen ist, nahe Verwandte oder auch die eigenen Kinder zum Beispiel.“
Nagelsmann hat alles für einen Top-Trainer
Besonders für Bundestrainer Julian Nagelsmann begann nach dem Aus eine schwere Phase. Hermann, der Nagelsmann von dessen Amtsantritt 2023 bis zur EM 2024 begleitete, zeigt Verständnis für den Trainer: „Ich habe natürlich registriert, dass offenbar die Zeit der Abrechnungen gekommen ist. Sie werden verstehen, dass ich meine Rolle beim DFB immer als die des Unterstützers verstanden habe, und daran ändert auch die aktuelle Situation nichts.“
Er erinnert sich an Nagelsmanns Anfangszeit: „Er ist vor der EM mit sehr viel Energie und Motivation vorausmarschiert, und die Spieler sind ihm gerne gefolgt. Die Kombination Julian Nagelsmann und sein Co-Trainer Benjamin Glück bei der EM empfand ich als sehr stark, sie hat mich beeindruckt.“ Hermann ist überzeugt, dass Nagelsmann aus der Niederlage lernen wird: „Ich bin mir sicher, dass Julian nicht sagt: Wir machen einfach so weiter. Er wird daraus etwas Neues kreieren und hat die Kraft, sich zu verändern. Es scheint eher Richtung Neuanfang zu gehen.“
Der Sportpsychologe kritisiert den üblichen Reflex im Fußball, schnell einen Trainerwechsel zu fordern: „Das ist der übliche Reflex im Fußball, und das stört mich auch, weil es mir immer viel zu schnell geht. Deshalb würde ich mir wünschen, dass er eine zweite Chance erhält, weil ich glaube, dass er alles hat, was ein Top-Trainer braucht. Noch einmal: Ich habe nicht nur ihn erlebt, sondern auch die Spieler, die beeindruckt waren von seiner Kraft, seinen Mannschaftsbesprechungen, seiner Idee vom Fußball.“
Aufarbeitung nach dem WM-Aus
Hermann, der 2018 mit Joachim Löw und 2022 mit Hansi Flick frühe WM-Aus erlebte, beschreibt die schwierige Aufarbeitung nach solchen Negativerlebnissen. Bei der Mannschaft sei es schwierig, weil direkt nach dem Ausscheiden die Regenerationszeit anstehe und die Nationalspieler erst im September wieder zusammenkämen, mit dann sicher etwas anderer Kaderzusammensetzung. Der Trainerstab hingegen werde sich vermutlich sehr bald treffen, um das Turnier zu analysieren. „Beim Trainerstab war es immer so, dass sie sich meistens ein bisschen Zeit genommen haben, um dann zur Analyse zusammenzukommen. Aber jetzt – davon gehe ich aus – werden sie sich sehr bald treffen“, so Hermann.



