Eskalation der Siedler-Gewalt im Westjordanland: Opfer berichten von brutalen Übergriffen
Siedler-Gewalt im Westjordanland eskaliert: Opfer berichten

Gewalt im Westjordanland eskaliert: Siedler greifen auch jüdische Helfer an

Die Situation im seit 1967 von Israel besetzten Westjordanland hat sich seit Beginn des Iran-Krieges dramatisch verschärft. Kritiker sprechen von einem rechtsfreien Raum, in dem die Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen Palästinenser massiv eskaliert ist. Eine Spurensuche vor Ort offenbart brutale Vorgehensweisen und deren verheerende Auswirkungen auf die betroffenen Menschen.

Brutaler Überfall auf jüdische Helferinnen

Besonders erschütternd sind die Aufnahmen aus einem Handy-Video, die einen Überfall im palästinensischen Dorf Kusra dokumentieren. Vier junge Männer, bewaffnet mit Holzknüppeln und maskiert wie Ninja-Kämpfer, stoppen ihren Buggy mit quietschenden Reifen. Sie springen heraus und prügeln auf zwei Frauen und einen Mann ein. Die filmende Frau schreit vor Schmerzen, bittet auf Hebräisch um Gnade – vergeblich. Die Angreifer tragen „Tzitzit“, weiße Bändchen gläubiger Juden.

Zwei Wochen später treffen wir Yael Levkovitz (52) und Adi Cohen (71), israelische Jüdinnen, im Tel-Hashomer-Krankenhaus bei Tel Aviv. Während Yael mit leichteren Verletzungen davonkam, sitzt Adi im Rollstuhl. Ihr Arm und Bein sind an mehreren Stellen gebrochen, auf einem Ohr kann sie nichts mehr hören.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Wir sind einfach gekommen, um Menschen zu helfen“, sagt Adi unter Tränen. Die beiden Frauen waren für ihre Organisation „Mistaklim“ („Wir schauen hin“) in das Dorf gefahren, um durch ihre bloße Anwesenheit von Siedlern bedrohte Palästinenser zu schützen. Die mutmaßlichen Täter waren zwischen 17 und 23 Jahre alt – Rechtsextreme, die seit etwa 50 Tagen auf dem Hügel über Kusra einen neuen illegalen Außenposten samt Schafherde errichtet haben und die umliegenden Ortschaften terrorisieren.

Mangelnde Strafverfolgung und politische Kritik

Yael Levkovitz berichtet, dass seit dem Iran-Krieg die Gewalt deutlich zugenommen habe. Die Angreifer seien „wie auf Steroiden“ und hätten Rückendeckung von Polizei und Armee. Obwohl es Zeugen und Videoaufnahmen gebe, seien drei festgenommene Verdächtige nach einer Woche wieder freigelassen worden.

Die israelische Menschenrechtsorganisation Jesch Din sammelt seit Jahren Zahlen zu den Vorfällen. Zwischen 2005 und 2025 wurden demnach mehr als 93 Prozent aller polizeilichen Ermittlungen zu ideologisch motivierten Straftaten von Israelis gegen Palästinenser im Westjordanland ohne Anklage eingestellt. Nur drei Prozent der Verfahren führten zu vollständigen oder teilweisen Verurteilungen.

Seit Beginn des Iran-Krieges hat sich die Lage weiter zugespitzt: Radikale Siedler haben im Westjordanland sechs Palästinenser getötet, Dutzende wurden bei Überfällen verletzt. Der deutsche Botschafter Steffen Seibert, der die Verletzten im Krankenhaus besuchte, äußerte sich auf X besorgt: „Es ist möglich und notwendig, über beides entsetzt zu sein: Über den Einsatz von Streubomben durch den Iran gegen israelische Zivilisten – und über die fünf Palästinenser, die an einem Wochenende durch Siedler-Gewalt getötet wurden.“

Alltagsterror für Dorfbewohner

Ein Bewohner von Kusra, der aus Angst vor weiteren Angriffen anonym bleiben will, schildert den Alltagsterror durch die illegalen Siedler. Sechs bis sieben junge Männer hätten sich auf dem Hügel niedergelassen und drangsalierten die umliegenden Ortschaften mit tausenden Bewohnern.

„Sie fahren mit Quads direkt an die Häuser, mitten in der Nacht, fangen an, zu hupen, zu schreien, zu tanzen, gegen die Türen zu hämmern, gegen die Fenster zu klopfen, Steine zu werfen. Sie wollen uns vertreiben“, berichtet der Mann. Die Siedler hätten auch die Wasserquelle besetzt und kappten regelmäßig Strom und Wasser für die Häuser.

Am vergangenen Samstag gab es in dem Dorf einen Toten – einen 28-jährigen Familienvater. Einer der Siedler hatte ein Gewehr mitgebracht und geschossen. Der Vater des Getöteten wurde am Tag darauf schwer verletzt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Politische Reaktionen und Zukunftsperspektiven

Der Oppositionspolitiker Yair Golan (63) von der linken Partei „Demokraten“ verurteilt die Gewalt scharf: „Das ist kein Judentum. Das ist Terrorismus“. Er warnt davor, dass Terrorismus, der nicht gestoppt werde, wenn er sich gegen Palästinenser richte, sich schnell ausbreite – zuerst gegen die Sicherheitskräfte und von dort aus weiter ins Innere der israelischen Gesellschaft.

Golan kündigt an: „Wir werden jeglichen Terrorismus mit harter Hand ausrotten, einschließlich des jüdischen Terrors.“ Die Situation im Westjordanland bleibt angespannt, während die Gewaltspirale sich weiter dreht und die betroffenen Gemeinschaften in ständiger Angst leben.