Die russische Luftabwehr hat am frühen Morgen nach eigenen Angaben Dutzende Drohnen über Moskau abgeschossen. Insgesamt seien fast 60 auf die Hauptstadt zusteuernde Drohnen abgefangen worden, teilte Bürgermeister Sergej Sobjanin über den Kurznachrichtendienst Telegram mit. Rettungskräfte seien zu den Absturzstellen entsandt worden. Der Flugverkehr an den Hauptstadtflughäfen Scheremetjewo, Domodedowo und Wnukowo sowie im nahegelegenen Schukowski sei vorübergehend eingestellt worden, erklärte die Luftfahrtbehörde.
Selenskyj erwartet Deeskalation von Belarus
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko konkrete Schritte zur Deeskalation. „Lukaschenko muss über Worte hinaus Deeskalation demonstrieren“, sagte er in einem Interview ukrainischer Medien. Eine bloße Entschuldigung des engen Verbündeten Moskaus genüge nicht: „Sein ‚Ich entschuldige mich‘ soll er für sich behalten, das funktioniert seit dem ersten Tag des Kriegs nicht mehr.“
Belarus gilt als engster Verbündeter Russlands. Beim Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 griff die russische Armee auch von belarussischem Gebiet aus in Richtung der ukrainischen Hauptstadt Kiew an, musste sich aber nach schweren Verlusten zurückziehen. Lukaschenko hatte erst vor kurzem Moskau und Kiew aufgerufen, den Krieg zu beenden, da ein militärischer Sieg für beide Seiten unrealistisch sei. Zugleich betonte er, die Ukraine habe von Belarus nichts zu befürchten und entschuldigte sich bei Selenskyj.
Kiew sieht sich derzeit durch mehrere russische Relaisstationen auf belarussischem Gebiet bedroht. Solche technischen Zwischenstationen leiten Signale weiter; nach ukrainischer Darstellung nutzt Russland sie, um Drohnen bei Angriffen auf Ziele in der Ukraine zu steuern. Selenskyj hatte Lukaschenko bereits mehrfach aufgefordert, die Anlagen abzubauen: „Wenn sie es nicht abschalten, werden wir es abschalten, Punkt.“
Massive Angriffe auf die Krim verschärfen Benzin-Krise
Bei neuen massiven ukrainischen Drohnenangriffen sind auf der von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim nach Behördenangaben im Raum Kertsch mindestens vier Menschen getötet worden. Nach den Attacken gebe es auch 28 Verletzte, teilte der von Moskau eingesetzte Krim-Chef Sergej Aksjonow am Morgen bei Telegram mit. Details nannte er nicht. Nach Berichten in sozialen Netzwerken gab es mehrere Explosionen und Brände in verschiedenen Regionen der Halbinsel. Im Kraftstoffterminal der Hafenstadt Kertsch sei ein Feuer ausgebrochen, eine große Rauchwolke liege über der Region, berichtete das Telegram-Portal „Krymski Weter“ am Morgen. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Behörden informierten in der Nacht auch über die Schließung der Krim-Brücke zwischen Kertsch und dem russischen Festland für den Autoverkehr. Auch der Hafen Kawkas auf der russischen Seite der Straße von Kertsch soll bei dem Angriff getroffen worden sein. Dort liegen ebenfalls ein Kraftstoffterminal und ein Öldepot. Die Ukraine versucht seit Wochen, mit den zunehmenden Angriffen die Krim von der Versorgung abzuschneiden. Auf der Halbinsel gibt es eine Benzin-Krise. Der von Moskau eingesetzte Statthalter von Sewastopol, Michail Raswoschajew, informierte am Morgen bei Telegram, dass sich die Kraftstofflieferungen weiter verzögerten. Die für Sonntag geplante Zuteilung von Benzin für Autofahrer müsse abgesagt werden, teilte er mit. Tanken sei nur für die operativen Dienste möglich.
Selenskyj schickt höchsten polnischen Orden zurück
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die höchste Auszeichnung Polens zurückgegeben. Seine Landsleute seien der Meinung, der Orden des Weißen Adlers sei für „das ukrainische Volk und unsere Armee“ gedacht gewesen, schrieb Selenskyj am Samstag im Kurznachrichtendienst X und veröffentlichte einen Paketschein. „Heute habe ich den Orden an den polnischen Präsidenten zurückgeschickt. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft zeigen wird, dass die Ukrainer den Respekt erhalten, den sie verdienen.“
Selenskyj hatte den Orden 2023 für seine Verdienste um Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und die Verteidigung der Menschenrechte erhalten. Sein polnischer Kollege Karol Nawrocki erklärte am Freitag, er ziehe die Auszeichnung zurück, weil Selenskyj eine Militäreinheit nach der ukrainischen Aufstandsarmee UPA benannt hat. Dies bedeute nicht, dass Polens Unterstützung für die Ukraine bei ihrer Verteidigung gegen Russland nachlassen werde. Doch die UPA sei in den Augen der meisten Polen für grausame Verbrechen an polnischen Bürgern im Zweiten Weltkrieg verantwortlich.
Weitere Entwicklungen im Überblick
Bei einem russischen Raketenangriff auf die südukrainische Region Odessa wurden nach Angaben des örtlichen Gouverneurs ein Mensch getötet und drei weitere verletzt. Russland habe eine ballistische Rakete vom Typ Iskander auf einen landwirtschaftlichen Betrieb abgefeuert, teilt Gouverneur Oleh Kiper auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Dabei seien Fahrzeuge und Treibstofftanks in Brand geraten.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat seine Landsleute vor neuen massiven Angriffen der russischen Streitkräfte gewarnt. Angesichts der bereits registrierten Angriffe auf die Städte Dnipro und Saporischschja bereite sich Russland auf neue Attacken in der Nacht vor, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. „Bitte passt gut auf euch auf.“
Das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja hat laut IAEA zum 20. Mal seit Beginn des Krieges mit Russland die externe Stromversorgung verloren. Grund sei ein Problem mit den internen Stromleitungen des Kraftwerks, das die einzig verbliebene 330-Kilovolt-Verbindung Ferosplawna-1 beeinträchtige, teilt die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) auf der Plattform X mit. Zur Aufrechterhaltung der Reaktorkühlung und anderer wichtiger Sicherheitsfunktionen seien Notstrom-Dieselgeneratoren angelaufen.
Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben des Gouverneurs einen Drohnenangriff auf eine Ölraffinerie in der westsibirischen Oblast Tjumen abgewehrt. Rettungskräfte seien am Ort des Absturzes der Trümmer im Einsatz, schreibt Gouverneur Alexander Moor auf Telegram. Die Raffinerie sei nach ersten Informationen nicht beschädigt worden. Tjumen liegt mehr als 2500 Kilometer östlich der ukrainischen Grenze und ist eine der wichtigsten Öl- und Gasförderregionen Russlands.
In der ostukrainischen Stadt Charkiw ist bei einem russischen Angriff mindestens ein Mensch getötet worden. Die Leiche werde aus den Trümmern geborgen, teilte Gouverneur Oleh Synjehubow bei Telegram mit. Zuvor schrieb er von neun Verletzten infolge eines Gleitbombenangriffs. Ein zweistöckiges Wohnhaus sei beschädigt worden.
Diplomatische Spannungen und Forderungen
Polens Konflikt mit der Ukraine über das Militärgedenken des Nachbarlandes eskaliert weiter. Der Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Kyrylo Budanow, teilt mit, er gebe aus Protest einen polnischen Orden zurück. Mit dem Verzicht auf das ihm 2025 verliehene Goldene Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen reagiere er auf die jüngste Maßnahme des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki. Budanow bezeichnet das Vorgehen Nawrockis als ein Geschenk an Russland.
Der polnische Außenminister Radosław Sikorski kritisiert die Führungsrolle von Deutschland, Frankreich und Großbritannien bei den Gesprächen zum Ukraine-Krieg. „Zwischen dem Schwarzen Meer, der Ostsee und der Adria leben 120 Millionen Menschen in der EU, zusammen mit Skandinavien sind es 150 Millionen Menschen, die von Russlands Aggression viel direkter bedroht sind als Deutschland“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Polen befinde sich an vorderster Front und fordere daher einen Platz am Verhandlungstisch.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko auf, russische Militärtechnik innerhalb einer Woche aus seinem Land zu entfernen. Andernfalls droht Selenskyj mit militärischen Schritten der Ukraine. Es gehe um Signalrelaisstationen in zwei belarussischen Grenzregionen zur Ukraine, die russische Truppen zur Steuerung von Angriffen auf ukrainische Zivilisten nutzen, sagt Selenskyj auf einer Pressekonferenz in Kiew.



