Gedenken unter den Augen der Sicherheitskräfte
Am zweiten Todestag des prominenten Kremlkritikers Alexej Nawalny haben sich am Montag Dutzende Menschen an seinem Grab in Moskau versammelt – trotz massiver Überwachung und Einschüchterungsversuche durch russische Sicherheitsbehörden. Die Stimmung war geprägt von stiller Trauer und wachsender Hoffnungslosigkeit.
Überwachungskameras und gezielte Fotografien
Die SPIEGEL-Korrespondentin Christina Hebel berichtete vor Ort von sieben bis acht fest installierten Überwachungskameras rund um den Friedhof. „Wer hier heute zum Friedhof kommt, um an Nawalny zu gedenken, braucht Mut“, sagte Hebel. „Die Menschen werden nicht nur von den Sicherheitskameras gefilmt, sondern auch von Vertretern der Sicherheitsbehörden einzeln fotografiert.“ Ein offensichtlicher Versuch des Kremls, das Gedenken zu stören und Unterstützern Angst zu machen.
Neue Beweise für Giftmord
Am Samstag hatten Deutschland, Großbritannien, Schweden, Frankreich und die Niederlande eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Gewebeproben aus Nawalnys Leichnam hätten nun zweifelsfrei erwiesen, dass der Oppositionelle in der Haft mit einem starken Froschgift ermordet wurde. Die russische Regierung dementiert diese Vorwürfe weiterhin. Die meisten Trauernden am Grab zeigten sich von dieser Nachricht nicht überrascht.
Stille Trauer und schwindende Hoffnung
„Es ist ein stilles Gedenken hier“, beschrieb Hebel die Szenerie. „Die Menschen bringen Blumen, verharren im Schnee am Grab. Viele sind nicht nur traurig, sondern verlieren auch die Hoffnung.“ Ein junger Mann äußerte gegenüber der Journalistin seine Verzweiflung angesichts des auf dem Grab liegenden Zettels mit Nawalnys Slogan „Russland wird frei“. Er glaube nicht mehr daran und plane, das Land zu verlassen.
Hintergrund: Nawalnys Schicksal
Alexej Nawalny, Wladimir Putins prominentester politischer Gegner, starb am 16. Februar 2024 in einem sibirischen Straflager – nur einen Monat vor Putins Wiederwahl mit überwältigender Mehrheit. Bereits 2020 hatte Nawalny einen Giftanschlag dank ärztlicher Hilfe an der Berliner Charité überlebt. Bei seiner Rückkehr nach Russland wurde er verhaftet und inhaftiert. Seine Witwe Julija Nawalnaja hatte bereits im Vorjahr Vergiftungsvorwürfe gegen Russlands Machthaber erhoben.
Das Gedenken am Montag zeigte erneut die tiefen Gräben in der russischen Gesellschaft und die anhaltenden Repressionen gegen regimekritische Stimmen. Während die internationale Gemeinschaft den Mord an Nawalny verurteilt, setzt der Kreml weiter auf Einschüchterung und Überwachung.



