Vor 250 Jahren unterzeichneten 56 Männer in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung und begründeten die USA. Heute äußern vier direkte Nachfahren dieser Gründerväter ihre Besorgnis: Das Experiment USA kippe.
Die Nachfahren und ihr Vermächtnis
Der Verein „Descendants of the Signers of the Declaration of Independence“ zählt knapp 1.300 Mitglieder, die ihre Abstammung von einem der 56 Unterzeichner urkundlich nachweisen können. Jedes Jahr am 4. Juli treffen sie sich in Philadelphia, um über Geschichte zu diskutieren. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel haben vier Nachfahren ihre Gedanken zur heutigen Politik geteilt.
John Works: Nachfahre von Thomas Jefferson
John Works, 71, Finanzberater aus New York, ist direkter Nachfahre von Thomas Jefferson. Er sagt: „Wir bewegen uns bei diesen Elementen gerade rückwärts.“ Er bezieht sich auf Jeffersons „natürliche Ursachen des Verfalls“: zunehmende Konzentrationen von Reichtum, Erosion des zivilen Diskurses und Barrieren für Einzelpersonen. Works betont: „Freiheit ist schwer zu erhalten, sehr schwer. Wir treten in eine Periode ein, in der grundlegende Werte plötzlich Reibung erzeugen.“
Er erinnert an Benjamin Franklins Satz: „Eine Republik, wenn ihr sie behalten könnt.“ Works warnt: „Es ist immer möglich, eine Republik zu verlieren. Wie wir in Deutschland gesehen haben, geht das leider sehr schnell und sehr einfach.“
Shirley Smith: Nachfahrin von Abraham Clark
Shirley Smith, 74, Dozentin im Ruhestand aus Indiana, ist Nachfahrin von Abraham Clark. Zwei von Clarks Söhnen wurden von den Briten gefangen genommen; man bot ihm ihre Freilassung an, wenn er seine Unterschrift zurückziehe. Er lehnte ab. Einer starb in Haft, ein dritter Sohn fiel im Krieg. Smith sagt: „Die Unterzeichner haben Kompromisse geschlossen – und wir leben das Ergebnis davon.“
Sie beklagt den Verlust von Wahrheit und Fakten: „In unserer Zeit ist nicht einmal mehr klar, was ‚Wahrheit‘ überhaupt bedeutet.“
Mid Ramsey: Nachfahre von Arthur Middleton
Mid Ramsey, 75, Banker im Ruhestand aus Georgia, ist Nachfahre von Arthur Middleton. Sein Urgroßvater war Hauptmann in der konföderierten Armee. Ramsey sagt: „Der eigentliche Test für die Republik war die Zeit von 1776 bis 1860. Das größte Thema war die Sklaverei.“ Er verweist auf den Bürgerkrieg mit 600.000 Toten und die Kompromisse, die das Land zusammenhalten sollten.
Ramsey beobachtet wachsenden Nationalismus: „Manche sagen jetzt, unsere Gründungsprinzipien seien gar keine Idee gewesen, sondern hätten auf gemeinsamer Geschichte, Erbe und Menschen basiert. Diesem Denken würde ich widersprechen.“ Er sorgt sich um junge Amerikaner: „Umfragen legen nahe, dass viele junge Amerikaner nicht mehr glauben, dass Amerika für sie funktioniert.“
Andy Keller: Nachfahre von Thomas Nelson
Andy Keller, 75, Bundesangestellter im Ruhestand aus Virginia, ist Nachfahre von Thomas Nelson. Nelson ritt zehn Tage nach Philadelphia, um den Unabhängigkeitsantrag zu überbringen. Keller sagt: „Die Unterzeichner wären verblüfft, wo das Land heute steht.“ Er betont den Geist der Unterzeichner: „56 Männer, die wussten, dass sie ihr Leben, ihr Vermögen und ihre Ehre riskierten – für das Gemeinwohl.“
Fazit: Das Experiment geht weiter
Die Nachfahren sind sich einig: Die USA müssen sich auf die Ideale der Gründungsväter besinnen. John Works fasst zusammen: „Es ist ein Experiment, das weitergeht. Wir brauchen ewige Wachsamkeit.“



