Vor 80 Jahren, am 21. Juni 1946, titelte der Tagesspiegel: „Hitler täuschte uns alle!“ – eine Schlagzeile, die heute eher auf Albert Speer zutrifft. Hitlers Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister verstand es, mit geschickten Erzählungen die Nachwelt zu täuschen und sich selbst zu entlasten. In der historischen Kolumne wird nun aufgezeigt, wie Speers Mythen entstanden und warum sie so lange geglaubt wurden.
Speers Auftritt in Nürnberg
Albert Speer, der als „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ und später als „Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion“ diente, bezeichnete Hitler als seinen Freund. Vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg behauptete er, aus Verzweiflung und zum Wohle Deutschlands geplant zu haben, seinen „Führer“ zu töten. Diese Behauptung war Teil einer ausgeklügelten Verteidigungsstrategie.
Die Rolle des Tagesspiegels
Der Tagesspiegel berichtete ausführlich über den Prozess und fiel dabei auf Speers Inszenierung herein. Während die Aussagen anderer Nazis kritisch hinterfragt wurden, fand Speers Auftreten wohlwollende Aufnahme. Seine vermeintliche Kooperationsbereitschaft und sein distinguiertes Auftreten – im Gegensatz zum „Nazi-Rabaukentum“ – machten ihn in den Augen der Prozessbeobachter glaubwürdig.
Der Mythos vom Attentatsplan
Der Historiker Magnus Brechtken räumte in seinem 2017 erschienenen Buch „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ mit diesem und anderen Mythen auf. Speer habe den Nationalsozialismus des deutschen Leistungsbürgertums verkörpert, so Brechtken. Seine Selbstentlastung ermöglichte es auch anderen Mitläufern, sich moralisch zu rechtfertigen.
Medienmechanismen und publizistische Willfährigkeit
Brechtkens Analyse zeigt, wie Speers Strategie aufging: Er lieferte Journalisten, was sie wollten – Enthüllungen, Kooperation und eine scheinbare Glaubwürdigkeit. Der Tagesspiegel dokumentierte seine Aussagen wohlwollend und lobte seinen „neuen Ton“. Am 1. September 1946 hieß es: „Was er sagt, ist wahrscheinlich das einzige Zeugnis des Tages, das als selbstlos anzusprechen wäre.“
Speers Vermächtnis
Albert Speer wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er in Spandau verbüßte. Nach seiner Entlassung 1966 vermarktete er bis zu seinem Tod 1981 die Mythen, die ihn vor dem Galgen bewahrt hatten. Der Holocaust-Überlebende Jean Améry kommentierte: „Herr Speer bereut aufs Lukrativste.“ Selbst Joachim Fest, ein prominenter Publizist, räumte später ein: „Albert Speer hat uns allen mit der treuherzigsten Miene von der Welt eine Nase gedreht.“
Die Geschichte zeigt, wie leicht Medien und Öffentlichkeit auf geschickte Inszenierungen hereinfallen können – eine Lehre, die bis heute relevant ist.



