Strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien wird in Hannover vertieft
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) empfängt den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu zweitägigen Regierungskonsultationen in Hannover. Das Treffen markiert einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der strategischen Partnerschaft zwischen beiden Nationen, nachdem der Brasilien-Besuch des Kanzlers im November für diplomatische Verstimmungen gesorgt hatte, die jedoch inzwischen beigelegt wurden.
Militärische Ehren und vertrauliche Gespräche
Am Schloss Herrenhausen wurde Lula mit militärischen Ehren empfangen, bevor sich beide Staatschefs zu einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen zurückzogen. Im Anschluss eröffneten Merz und Lula gemeinsam die Hannover Messe, die als weltweit bedeutendste Industrieschau gilt und in diesem Jahr Brasilien als Partnerland präsentiert.
Umfangreiche Regierungskonsultationen
Am Montag finden im Schloss Herrenhausen die offiziellen deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen statt. Auf brasilianischer Seite nehmen sieben Minister teil, während Deutschland mit acht Ministern vertreten ist. Die Agenda umfasst zahlreiche Schlüsselbereiche der bilateralen Zusammenarbeit:
- Handel und Rohstoffsicherheit
- Rüstungs- und Verteidigungsfragen
- Digitalisierung und Forschungskooperation
- Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung
Gemeinsame Haltung gegenüber US-Präsident Trump
Ein zentrales außenpolitisches Thema der Gespräche ist das Agieren von US-Präsident Donald Trump. Sowohl Merz als auch Lula zeigen sich besorgt über Trumps Konfrontationskurs gegenüber dem Iran und lateinamerikanischen Staaten wie Venezuela und Kuba.
„Trump wurde nicht zum Kaiser der Welt gewählt“, erklärte Lula vor seiner Deutschlandreise dem „Spiegel“. „Er kann anderen Ländern nicht pausenlos mit Krieg drohen.“ Der brasilianische Präsident bezog sich dabei auf jüngste Äußerungen Trumps, der einen möglichen Militäreinsatz in Kuba andeutete.
Beide Länder streben eine Reform der Vereinten Nationen an und unterstützen gegenseitig ihre Ambitionen auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Bislang sind alle Reformversuche des Gremiums gescheitert, das weiterhin von den fünf Vetomächten USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich dominiert wird.
Historisches Mercosur-Abkommen tritt in Kraft
Das Treffen findet zu einem symbolträchtigen Zeitpunkt statt: Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur kann ab dem 1. Mai vorläufig angewendet werden. Damit entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt mit über 700 Millionen Einwohnern.
Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen eröffnen sich insbesondere für deutsche Schlüsselindustrien neue Perspektiven:
- Die Automobilindustrie profitiert von erleichterten Exportbedingungen
- Der Maschinenbau gewinnt Zugang zu neuen Märkten
- Die Pharmabranche kann ihre Präsenz in Südamerika ausbauen
Deutschland ist bereits Brasiliens viertgrößter Handelspartner mit einem Handelsvolumen von 20,9 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr. Rund 1.000 deutsche Unternehmen sind in Brasilien ansässig, wobei der Großraum São Paulo Deutschlands größter Industriestandort im Ausland darstellt.
Brasilien präsentiert sich als innovative Industriemacht
Auf der Hannover Messe positioniert sich Brasilien bewusst als nachhaltige, innovative und wettbewerbsfähige Industriemacht. Carlos Henrique Moscardo, Leiter der Abteilung für Handels- und Investitionsförderung im brasilianischen Außenministerium, betont die strategische Bedeutung dieser Präsentation für das internationale Image des Landes.
Klimaschutz und Regenwaldschutz im Fokus
Die deutsch-brasilianischen Konsultationen widmen sich auch dem Klimaschutz, einem zentralen Anliegen beider Regierungen. Deutschland hatte bei der Weltklimakonferenz in Belém im vergangenen November eine Milliarde Euro für einen neuen Fonds zum Schutz des Amazonas-Regenwaldes zugesagt, der über einen Zeitraum von zehn Jahren ausgeschüttet werden soll.
Von diplomatischen Verstimmungen zur Versöhnung
Der Brasilien-Besuch von Kanzler Merz im November war nicht ohne Kontroversen verlaufen. Seine Äußerungen über die Stadt Belém hatten in Brasilien für Empörung gesorgt, nachdem er die deutsche Delegation als „froh“ bezeichnet hatte, „von diesem Ort, an dem wir da waren, wieder nach Deutschland zurückgekehrt“ zu sein. Präsident Lula hatte Merz zunächst dafür kritisiert, sich dann aber beim G20-Gipfel in Johannesburg mit ihm versöhnt.
Kulinarische Vorlieben des Präsidenten
Bei seinem aktuellen Deutschlandbesuch hat Lula einen besonderen kulinarischen Wunsch geäußert. „Ich habe ihm gesagt, wenn ich nach Deutschland reise, esse ich gerne Wurst vom Straßenimbiss“, verriet der brasilianische Präsident dem „Spiegel“. „Das letzte Mal, als ich im Büro von Angela Merkel war, habe ich eine Wurst gegessen, die ich an einem Stand gekauft hatte. Wenn ich im Ausland bin, versuche ich die örtlichen Speisen zu probieren.“
Zunächst steht jedoch ein formelles Abendessen mit Wirtschaftsvertretern im Schloss Herrenhausen auf dem Programm, bevor der Präsident möglicherweise doch noch zu seiner geliebten Straßenimbiss-Wurst kommt.



