Funke Mediengruppe Schaukelpolitik Iran-Krieg: Plötzlich hat Saudi-Arabiens Kronprinz ein Problem mit Trump
Riad. Der saudische Herrscher war erst für Donald Trumps Krieg gegen Iran, dann dagegen. Er fürchtet auch um Mega-Projekte wie die Fußball-WM 2034. Von Michael Backfisch, Freier Journalist
Donald Trump hat aus zwei Gründen eine unstillbare Faszination für Saudi-Arabien. Das Königreich steht wegen seiner hohen Öl-Einnahmen für Reichtum, Pomp und Luxus. Der mächtigste Mann des Wüstenstaats, Kronprinz Mohammed bin Salman – auch unter dem Kürzel MBS bekannt –, verkörpert für den US-Präsidenten den Goldstandard eines Autokraten. Keine lästige Kontrolle durch Parlamente, Gerichte oder unabhängige Medien: Das hätte Trump auch gern.
Die ruchlosen Methoden, mit denen der 40-jährige Kronprinz seine Herrschaft zementierte, imponieren dem Amerikaner. In der „Nacht der langen Messer“ am 4. November 2017 internierte MBS unter dem Deckmantel einer Antikorruptionskampagne rund 400 hochrangige Prinzen, Minister und Milliardäre in einem Luxushotel in Riad und knöpfte ihnen bis zu 100 Milliarden Dollar ab. Die Tötung des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi durch ein saudisches Sonderkommando im Oktober 2018 in Istanbul sorgte weltweit für Empörung – nicht jedoch bei Trump. Laut westlichen Geheimdiensten hatte der Kronprinz die Aktion angeordnet. Die Leiche sei anschließend zerstückelt worden, hieß es.
Trump sichert Saudi-Arabien Militärhilfe für Milliarden-Deals zu
So ist es nicht verwunderlich, dass Donald Trumps erste Auslandsreisen nach seinen Wahlsiegen 2016 und 2024 nicht nach Mexiko-Stadt oder London führten, sondern nach Riad. Es sprangen Deals heraus, die ganz nach dem Geschmack des Präsidenten waren. Die Saudis kauften im großen Stil US-Waffen und versprachen, bis zu 600 Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten zu investieren. Dafür bekräftigte Trump die Zusage, über dem Königreich einen militärischen Schutzschirm aufzuspannen.
Der Schulterschluss MBS-Trump schien bis vor wenigen Monaten noch besonders eng zu sein. Nach Angaben der „Washington Post“ hatte der Kronprinz kurz vor und nach Beginn des Krieges mehrfach mit Trump telefoniert. Er soll dabei für einen US-Angriff auf den Iran geworben haben, obwohl er öffentlich eine Verhandlungslösung unterstützte.
Hinter den Kulissen forderte der Kronprinz hartes Vorgehen gegen Iran
Laut dem amerikanischen Nachrichtenportal „Axios“ sagte der saudi-arabische Verteidigungsminister Khalid bin Salman bei einem Briefing im Januar in Washington: „Wenn Trump nicht zuschlägt, wird das Regime stärker.“ Das ist umso erstaunlicher, als Saudi-Arabien im März 2023 unter Vermittlung Chinas offiziell eine Tauwetterperiode mit dem Iran ausgerufen hatte. Die sieben Jahre auf Eis gelegten bilateralen Beziehungen wurden wieder aufgenommen. Der Kronprinz ist der größte Schaukelpolitiker des Nahen Ostens. MBS gab nach außen den Chefdiplomaten, um das Königreich nicht zur Angriffsfläche im Iran-Krieg zu machen. Doch hinter den Kulissen forderte er eine Politik der eisernen Faust. Zu tief sitzt das Misstrauen zwischen der sunnitischen Vormacht Saudi-Arabien und der schiitischen Islamischen Republik. Beide Länder kämpfen seit Jahren um die Position der Nummer 1 im Nahen Osten.
Die iranischen Drohnen- und Raketenangriffe auf Golfstaaten im März ließen in Riad die Alarmglocken schrillen. In Saudi-Arabien wurde unter anderem eine Ölraffinerie des staatlichen Energiekonzerns Aramco in Ras Tanura getroffen. MBS zog daraus zwei Schlüsse. Erstens: Das Regime schreckt im Fall einer existenziellen Bedrohung nicht davor zurück, die ganze Region in Brand zu setzen. Zweitens: Die hochmodernen US-Luftabwehrsysteme wie Patriot oder THAAD bieten keinen vollständigen Schutz.
Der Riss im Verhältnis zwischen dem Kronprinzen und dem US-Präsidenten zeigte sich Anfang Mai. Trump hatte angekündigt, dass die US Navy im Rahmen seines „Projekts Freiheit“ Handelsschiffe durch die Straße von Hormus eskortieren werde. MBS fühlte sich nicht eingebunden und befürchtete, dass sein Land erneut ins Visier iranischer Drohnen und Raketen geraten könnte. Er untersagte daraufhin den Amerikanern vorübergehend die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes Prinz Sultan sowie des saudischen Luftraums. Trump setzte daraufhin das „Projekt Freiheit“ ab.
Ein großer Krieg in Nahost gefährdet die Ambitionen Saudi-Arabiens
Der Kronprinz tut mittlerweile alles, um einen Flächenbrand zu verhindern. Ein großer Krieg würde die Öl-Infrastruktur bedrohen, die den wirtschaftlichen Reichtum Saudi-Arabiens sichert. Es wäre ein Risiko für die hochfliegenden Ambitionen von MBS. Laut seiner „Vision 2030“ will er das Königreich in den kommenden Jahren auf die Zeit nach Öl und Gas vorbereiten. Solar- und Windenergie sowie Kernkraft sollen immer mehr Gewicht bekommen. Der Kronprinz setzt auf internationale Investoren und Megaprojekte im Land wie die Weltausstellung 2030 und die Fußballweltmeisterschaft 2034. Eine aus dem Ruder laufende Eskalation im Nahen Osten würde diese Pläne gefährden.
Um sich nicht völlig von Trump abhängig zu machen, ist der saudische Herrscher seit einiger Zeit auf der Suche nach weiteren Bündnispartnern. Im September 2025 unterzeichneten Saudi-Arabien und die Atommacht Pakistan ein Verteidigungsabkommen, das im Fall eines Angriffs zu gegenseitigem Beistand verpflichtet. Pakistan stationierte 16 Kampfflugzeuge, zwei Drohnengeschwader und rund 8000 Soldaten in der ölreichen Ostprovinz des Landes. Hier kommt auch die Ukraine ins Spiel. Seit Beginn des Iran-Krieges reiste Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits zweimal nach Saudi-Arabien. Ende April unterzeichnete er ein „strategisches Sicherheitsabkommen“ mit MBS. „Ukrainische Drohnen gegen saudisches Geld und Öl“, lautet das Geschäft. Mit Sicherheit nicht die letzte Allianz-Idee des Saudis.



