Alan Greenspan ist tot – eine Ära der Geldpolitik endet
Alan Greenspan, der fast 19 Jahre lang die US-Notenbank Fed führte, ist am 22. Juni im Alter von 100 Jahren gestorben. Für die beiden Ökonomen Bert Rürup, Handelsblatt-Chefökonom, und Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, ist sein Tod Anlass für eine grundsätzliche Debatte: Ist das klassische Konzept der unabhängigen Notenbank als alleinige Hüterin der Preisstabilität noch zeitgemäß?
Vom „Greenspan Put“ bis zum Quantitative Easing
In der aktuellen Folge von „Economic Challenges“ ziehen Rürup und Hüther eine kritische Bilanz der Geldpolitik der vergangenen Jahrzehnte – von der Geldmengensteuerung nach Milton Friedman über das Inflation-Targeting bis hin zum Quantitative Easing. Hüther erinnert daran, dass Greenspan die Aufgaben der Geldpolitik entscheidend erweiterte: Nach dem Schwarzen Montag 1987, dem größten Tagesverlust der New Yorker Börse, griff er stabilisierend ein und begründete damit den sogenannten „Greenspan Put“ – die Erwartung, dass die Notenbank Finanzmärkte in Krisen stützt.
„Wie jede Versicherung hat das dann auch einen Moral Hazard“, sagt Hüther. Sein Urteil: Auch Greenspans Credo des nachträglichen „Mopping up“ geplatzter Blasen sei gescheitert – mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten.
Inflation als strukturelles Problem
Rürup stellt eine provokante These in den Raum: Inflation sei heute weniger ein monetäres als ein strukturelles Problem. Der Ölpreis, nicht der Leitzins, sei zum entscheidenden Preistreiber geworden. „Preisniveaustabilität kann nicht mehr allein durch die Geldpolitik gewährleistet werden“, sagt er. Hüther widerspricht zwar dem Befund in dieser Absolutheit, teilt aber die Diagnose, dass drei Megatrends – demografische Alterung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung – das Wachstum schwächen und den Inflationsdruck strukturell erhöhen. In einer solchen Stagflationsperspektive sei eine Notenbank „besonders herausgefordert“.
Zukunft der unabhängigen Zentralbank
Im Zentrum der Diskussion steht die Frage, ob das klassische Konzept der unabhängigen Zentralbank als alleinige Hüterin der Geldwertstabilität noch zeitgemäß ist. Hüther plädiert dafür, die Unabhängigkeit als hohes Gut zu bewahren – fordert aber eine stärkere Verzahnung von Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik. Rürup geht weiter und fragt, ob nationale Institutionen mit dieser Aufgabe nicht schlicht überfordert sind.
Die Debatte zeigt: Der Tod Greenspans markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern wirft grundlegende Fragen zur künftigen Ausrichtung der Geldpolitik auf.



