In der Forschung zu arbeiten, erweitert den Horizont in vielerlei Hinsicht. Vor einer Weile saß ich mit einer größeren Gruppe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern zusammen, die über Asien und Afrika arbeiten. Kollegen aus mehreren afrikanischen, nahöstlichen und südasiatischen Ländern, aber auch aus Russland, der Ukraine und verschiedenen anderen europäischen Ländern waren darunter.
Ein turbulenter Jahresbeginn
Thema war der turbulente Anfang des Jahres. Wir erinnern uns: Im Iran waren Hunderttausende auf die Straßen gegangen und das Regime hatte viele Tausend Demonstranten kaltblütig erschossen. Der Präsident Venezuelas war in die USA entführt worden. Im Jemen bombardierte Saudi-Arabien eine Waffenlieferung, mit der die Emirate eine Rebellengruppe unterstützen wollten – obwohl Saudi-Arabien mit seinem Nachbarland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, eigentlich verbündet ist.
Kuba unterlag unterdessen einer immer stärkeren Blockade, im Sudan tobte Bürgerkrieg und der amerikanische Präsident erwog, Grönland zu besetzen. Dies alles geschah, noch bevor der Krieg am Golf sich auf die deutschen Tankstellen auswirkte, bevor in asiatischen und afrikanischen Ländern Energie und Dünger fehlten. Im Frühjahr dann führte ein Angriff der Hisbollah auf Israel zur erneuten Besetzung des Südlibanon: Diesmal gekoppelt mit vollständiger Zerstörung von Dörfern und landwirtschaftlicher Anlagen.
Unterschiedliche Perspektiven auf die globale Lage
Wie meine internationalen Gesprächspartner die überraschenden und beunruhigenden Entwicklungen zu Beginn des Jahres einordneten, variierte stark. Und auch, welche politischen Konsequenzen sie daraus zogen. Selbst Experten sehen die globale Situation höchst unterschiedlich. Die einen vermuteten, das US-Hilfsversprechen für die Demonstranten könne das iranische Regime stürzen. Gerade meine iranischen Kollegen waren hingegen über die amerikanischen und israelischen Flaggen bei Demonstrationen von Exiliranern entsetzt.
Intensiv diskutiert wurde auch die Funktion der libanesischen Hisbollah-Miliz. War sie ein gefährlicher Vasall des iranischen Regimes? Oder etwa eine Widerstandsbewegung gegen israelische Expansionsgelüste in der Region? Für Letzteres argumentierten manche, ein säkular orientierter libanesischer Kollege widersprach dieser Ansicht deutlich.
Umstritten war in der Runde zudem, wie die Rollen Russlands und Chinas in der neuen Weltordnung zu beurteilen sind. Ist es klug, wenn sich Europa den US-Ambitionen widersetzt? Ist es dazu überhaupt in der Lage?
Ein überraschender Konsens
In einem aber waren sich überraschenderweise gerade die nicht aus Europa stammenden Kollegen sehr einig. Ihr Tenor: Wir Europäer müssten die zunehmend fragile regelbasierte internationale Ordnung ebenso wie die stark gefährdeten Menschenrechte und die Meinungsfreiheit verteidigen.
Diese Sicht auf Europa erscheint mir fast idealistisch. Dennoch: Wir sollten diesen Auftrag sehr ernst nehmen. Denn er zeugt von einem erheblichen Vertrauen, das Menschen aus Afrika, dem Nahen und ferneren Osten, in unsere gemeinsamen Werte setzen. Und zwar trotz aller berechtigter dekolonialer Kritik.
Die Bedeutung für Europa
Dass Europa ihm nachkommt, ist sowohl für die internationale Politik wichtig als auch dafür, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Angesichts nationaler Eigensinnigkeiten gerät dies heute zu leicht aus dem Blick. Europa muss sich seiner Verantwortung bewusst werden und die Werte verteidigen, die es selbst hochhält. Nur so kann es das Vertrauen der Partner in aller Welt rechtfertigen und eine stabile globale Ordnung mitgestalten.



