Mit Halstüchern über Mund und Nase schützen sich die Soldaten gegen den Staub, der einfach überall ist. Es hat schon eine Weile nicht mehr geregnet. Die Fahrzeuge der Bundeswehr wirbeln den trockenen Sand auf. Ein wenig „wie in Afghanistan“ sei es gerade in Litauen, sagt einer der deutschen Soldaten, der beide Einsatzorte kennt.
Seit bald vier Wochen graben sie sich ein, durchkämmen das Gelände und trainieren, die Freiheit Europas zu verteidigen, ein „Freedom Shield“ zu sein. Der Truppenübungsplatz Pabradè, eine knappe Autostunde nordöstlich der Hauptstadt Vilnius und ganz dicht an der Grenze zu Belarus, ist Schauplatz der ersten großen Übung, die die neue deutsche Litauenbrigade vor Ort durchführt.
Wichtiger Test und Signal an Moskau
Auf dem Weg zur angestrebten Einsatzbereitschaft am Ende des nächsten Jahres ist das ein wichtiger Test – und ein Signal Richtung Moskau. Von einem „sichtbaren Zeichen der Abschreckung an der Nato-Ostflanke“ spricht der Kommandeur vor Ort, Brigadegeneral Christoph Huber. Mindestens zweimal jährlich sollen dafür nun Übungen dieser Größenordnung durchgeführt werden. Bei der Übung in Litauen wird scharf geschossen.
75 Kampf- und 70 Schützenpanzer hat er zur Verfügung, um unter möglichst realen Bedingungen die Abwehr eines russischen Angriffs auf das Baltikum zu proben. 650 Lastwagen transportieren Waffen, Munition und Personen. Auch 350 Drohnen kommen zum Einsatz. Kommandeur Huber weist darauf hin, dass schon mit der sogenannten Loitering Ammunition trainiert wird – nächstes Jahr soll seine Brigade mit den fliegenden ferngesteuerten Bomben ausgerüstet.
Drohnen und Kampfpanzer im Einsatz
Leise surren sie über den Kopf von Verteidigungsminister Boris Pistorius hinweg, der an diesem Montag nach Pabradè gekommen ist und das Übungsgeschehen von einem Boxer-Radpanzer aus verfolgt. Die Drohnen werden in Richtung der Wälder am Rand der großen Freifläche gesteuert, dorthin, wo niederländische und norwegische Nato-Kollegen in diesem Szenario die Angreifer spielen. Der erste Feindkontakt findet neuerdings immer unbemannt statt.
Und von oben. Das gläserne Schlachtfeld, in dem es wegen der ständigen Überwachung und Bedrohung aus der Luft viel weniger Verstecke gibt, ist eine der wichtigsten Lehren aus dem Ukrainekrieg. Pistorius und sein litauischer Amtskollege Robertas Kaunas loben, dass diese Erkenntnisse schon so sichtbar in das Manöver einfließen. „Freedom Shield zeigt, wie der Landkrieg der Zukunft aussehen wird“, sagt der deutsche Minister: „Ich bin echt beeindruckt.“ Er weist zudem darauf hin, dass trotzdem noch schweres Gerät gebraucht wird.
Das ist zu hören und in der Magengegend zu spüren. Als der Leopard-Kampfpanzer scharf schießt, vibriert die Erde. Ohne Gehörschutz darf die Übung gar nicht verfolgt werden. Der Schützenpanzer vom Typ Puma feuert in kurzer Folge leuchtende Salven ab.
Zusammenführung der Einheiten
Der Kommandeur ist froh, dass er seine verschiedenen Einheiten zum ersten Mal zusammenführen kann. Das ist einmal die schon länger bestehende Nato-Battlegroup mit Soldaten aus weiteren sieben Ländern, die im Februar seiner Panzerbrigade 45 mit dem Beinamen „Litauen“ unterstellt wurde. Dazu kommen das noch in Deutschland stationierte Panzerbataillon 203 aus Augustdorf in Nordrhein-Westfalen und das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach in Bayern. Jeder gemeinsame Tag im Gelände bringe Fortschritte, meint Huber: „Das Herstellen der Kriegstüchtigkeit bestimmt unseren Alltag.“
Seine Brigade soll spätestens Ende 2027 diese volle Verteidigungsbereitschaft erreicht haben. Für die gesamte Bundeswehr hat Generalinspekteur Carsten Breuer das Jahr 2029 dafür benannt, weil westliche Geheimdienste Russland wegen seiner immensen Waffenproduktion dann für einen Angriff auf ein Nato-Land gerüstet sehen. Was aber wäre, falls er jetzt erfolgte? „Die Panzerbrigade 45“, sagt Huber, „ist bereit, heute Nacht zu kämpfen.“
Personalaufwuchs und Freiwilligkeit
Mit rund 2000 deutschen Soldatinnen und Soldaten ist freilich erst knapp die Hälfte derer da, die fest an der Nato-Ostflanke stationiert werden, teils mit Kind und Kegel nach Litauen kommen und Elternabende an der neuen deutschen Schule in Vilnius besuchen dürften. Die Zielgröße liegt bei 4800 Bundeswehrkräften, dazu kommen noch 200 zivile Angestellte.
Mit Schnupperaufenthalten für sich und ihre Familien macht die Truppe den eigenen Leuten die mehrjährige Verlegung schmackhaft. Die Konditionen wurden per Gesetz attraktiver gemacht, in keinem Gespräch darf fehlen, wie sehr das kleine baltische Land, wo die Bedrohung durch den großen russischen Nachbarn sehr viel stärker empfunden wird, die verbündeten Militärs willkommen heißt.
Bisher speist sich das Abschreckungs-Personal aus Freiwilligen. Alle um ihn herum seien „Überzeugungstäter“, sagt ein Soldat. Nun aber, da nochmals mehr als eine Verdoppelung erfolgen soll, gibt es Berichte darüber, dass es im Heer an der entsprechenden Bereitschaft mangeln soll. Ist man einfach noch nicht so weit, oder hält die Bedrohungslage in direkter Nachbarschaft zur russischen Exklave Kaliningrad mögliche Interessenten ab? Mit Hubschraubern und Panzern proben Deutsche und Litauer den Ernstfall.
In jedem Fall gibt es hier am Ernst der Lage keinen Zweifel. Russische Störaktionen gegen die Satelliten der Bundeswehr, die die reibungslose Kommunikation mit der Litauen-Brigade sicherstellen soll, gibt es bereits. Im Verteidigungsministerium rechnet man damit, dass solche Sabotageakte zunehmen könnten, je weiter der Aufbau der Truppe voranschreitet.
Die Verbündeten könnten sich auf Deutschland verlassen, sagt der Kommandeur des Heeres. Ende 2027 werde genau die angekündigte Truppenstärke in Litauen vor Ort sein. Pistorius will vorerst am Prinzip der Freiwilligkeit festhalten, schließt aber auch nicht aus, dass schlussendlich einige Kräfte mit speziellen Fähigkeiten, etwa beim ABC-Schutz, in der Logistik oder der IT, zum Dienst an der Nato-Ostflanke verpflichtet werden könnten.
Realistische Bedrohungsszenarien
Kampfhubschrauber schweben nun über dem Rand des Waldes, in dem sich die gegnerischen Truppen verschanzen. Direkt aus Deutschland angeflogen kommt ein Eurofighter-Kampfjet zur Unterstützung der Bundeswehrkräfte am Boden. In nur 40 Metern Höhe jagt er kreischend über die Köpfe der Soldatinnen und Soldaten hinweg. Der Ernstfall, der hier so realistisch wie möglich geprobt wird, scheint auf dem Truppenübungsplatz von Pabradè sehr nah.



