In einer überraschenden Machtdemonstration hat Marine Le Pen unmittelbar nach der Verkündung eines Gerichtsurteils gegen sie ihre Kandidatur für die französische Präsidentschaftswahl 2027 erklärt. Die Vorsitzende des rechten Rassemblement National (RN) stellte sich damit öffentlich gegen ihren Ziehsohn und bisherigen Parteichef Jordan Bardella, dem sie offenbar zunehmende Eigenständigkeit vorwirft.
Urteil mit Folgen: Fünf Jahre Haft auf Bewährung
Das Gericht in Paris verurteilte Le Pen am Dienstag zu fünf Jahren Haft auf Bewährung sowie einem fünfjährigen Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden. Die Anklage lautete auf Veruntreuung von EU-Geldern, die für die Bezahlung von parlamentarischen Assistenten des Europaparlaments bestimmt waren. Le Pen schüttelte beim Verlassen des Gerichtssaals den Kopf und kündigte umgehend Berufung an. „Das Urteil ist politisch motiviert und wird die Wähler nicht beeindrucken“, erklärte sie vor Journalisten.
Machtkampf im Rassemblement National
Die Ankündigung ihrer Kandidatur erfolgte nur Stunden nach dem Urteil und gilt als gezielter Schachzug gegen Bardella, den Le Pen selbst einst als ihren Nachfolger aufbaute. Bardella hatte in den letzten Monaten zunehmend eigenständige Positionen bezogen, etwa in der Wirtschaftspolitik, und sich als gemäßigter präsentiert. „Marine Le Pen zeigt, dass sie die unangefochtene Führungsfigur der Partei bleibt“, kommentierte der Politikwissenschaftler Jean-Yves Camus. „Sie duldet keine Rivalen neben sich.“
Reaktionen aus der Politik
Die Reaktionen auf das Urteil und die Kandidatur fielen gemischt aus. Regierungssprecher Olivier Véran nannte das Urteil „einen Sieg der Rechtsstaatlichkeit“. Der RN selbst sprach von einer „Hexenjagd“ und rief zu Protestkundgebungen auf. Umfragen zufolge liegt Le Pen in der Wählergunst für 2027 derzeit bei rund 28 Prozent, knapp hinter dem Mitte-Links-Lager.
Ausblick auf die Präsidentschaftswahl 2027
Le Pens Kandidatur könnte die französische Parteienlandschaft nachhaltig verändern. Sollte das Berufungsverfahren das Amtssperre bestätigen, stünde sie vor einer ungewissen Zukunft. Doch die 56-Jährige zeigt sich kämpferisch: „Ich werde mich nicht von einem Gericht daran hindern lassen, für die Franzosen zu kämpfen.“ Die Wahl ist für April 2027 angesetzt.



