AfD in Sachsen-Anhalt: „Wir sind angetreten, um die CDU fertig zu machen“
AfD: „Wir sind angetreten, um die CDU fertig zu machen“

Mit martialischer Sprache strebt die AfD in Sachsen-Anhalt die Alleinregierung an. Der Erzfeind? Die CDU. Besonders deutlich wird das an einem schwül-warmen Abend im Saalekreis. Mit dabei: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund.

Die Ausgangslage in Mücheln

Die Verhältnisse in Mücheln sind klar, lange bevor es losgeht. Eine steile Straße führt vom Geiseltalsee, einst ein Tagebau, hoch ins Zentrum der Kleinstadt im Saalekreis. Links des Asphalts lädt ein großes AfD-blaues Plakat zum Bürgerdialog ins örtliche Schützenhaus. Darunter hat jemand ein kleines Blatt Papier geklebt. Mit Edding geschrieben, steht dort: „Aufgewacht Mücheln! Heute 17:30 Uhr vorm Schützenhaus setzen wir ein Zeichen für Demokratie.“ Eine Randnotiz unter den lächelnden Gesichtern der angekündigten AfD-Politiker. Die Schrift so klein, dass sie aus dem Auto nicht zu erkennen ist.

Das „Kumpel-Foto“ und die Folgen

Ein einziges Motiv reichte vergangene Woche, um dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt so richtig einzuheizen. Ein Fotograf, der in der richtigen Sekunde den Auslöser seiner Kamera drückte, und das politische Sachsen-Anhalt stand Kopf. Das „Kumpel-Foto“ zeigt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf einer Podiumsdiskussion mit CDU-Fraktionschef Guido Heuer. Die beiden wirken in der abgebildeten Situation eng vertraut, fast freundschaftlich. Was folgte, war mal wieder eine bundesweite Debatte über die sogenannte Brandmauer und vor allem die Frage, wie standhaft die CDU wohl gegenüber der AfD bleiben würde, sobald die Wahllokale am 6. September geschlossen sind. In den Hintergrund gerät dabei regelmäßig, dass die Rechten schon vor Jahren nicht etwa Grüne oder Linke, sondern die Konservativen als Erzfeind auserkoren haben.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Besonders deutlich wird das an diesem schwül-warmen Abend im Saalekreis bei dem AfD-Bürgerdialog, der zwischenzeitlich in eine Art „CDU-Vernichtungsfeldzug“ ausartete. Im Laufe des Abends drängt sich zwangsläufig der Gedanke auf, dass der ein oder andere nach rechts blinkende Christdemokrat gut beraten wäre, genau zuzuhören, was die sachsen‑anhaltische AfD mit der CDU vorhat. Es gilt der Dreisatz: diffamieren, lächerlich machen, zerstören.

Gegenprotest und Stimmung

Doch bevor das im großen Saal des Müchelner Schützenhauses offen ausgesprochen wird, muss sich das Publikum zunächst am Gegenprotest vorbeischieben. Da die AfD den gesamten Parkplatz mitgemietet hat, findet die Versammlung mit ungefähr 30 Teilnehmern vor der Einfahrt statt. Sie kommen aus der Region, aus Merseburg und aus Halle (Saale). Kinder und Jugendliche beobachten den Gegenprotest skeptisch. Es ist eine merkwürdige Szenerie. Die Gegendemonstranten stehen inmitten von Absperrband, umzingelt von mittelalten Frauen in T-Shirts mit Siegmund-Konterfei, Kindern und Jugendlichen aus dem Ort. Ein Jugendlicher mit Deutschland-Schlapphut und „Thor-Steinar“-Shirt. Ein junges Mädchen, vielleicht 12 Jahre alt: „Ekelhaft“, sagt sie zu ihrer Freundin und zeigt in Richtung der AfD-Gegner, die gemustert werden wie Exoten.

Auf der anderen Seite, der des Gegenprotests, erzählt eine junge Frau aus Halle (Saale), dass sie ihre Woche mittlerweile nach dem Takt der AfD-Bürgerdialoge vorausplane. Gemeinsam mit Freunden und Mitstreitern fährt sie dann durchs Land, um ein Zeichen dagegen zu setzen, erzählt sie: „Mittlerweile gibt es fast überall kleine Gegenproteste, sogar in der tiefsten Provinz.“

AfD-Präsenz und Landratswahl

Die AfD macht es ihr nicht leicht. Wie kaum eine andere Partei ist sie mittlerweile in der ostdeutschen Fläche unterwegs. Dienstagabend: Siegmund in Dessau, Mittwochabend: Siegmund in Mücheln, Donnerstagabend: gleich zwei Bürgerdialoge in Bad Dürrenberg und Raguhn-Jeßnitz. Währenddessen bleibt der Reiter „Veranstaltungen“ auf der Homepage der CDU im Saalekreis leer. Dabei steht der sachsen-anhaltische Süden kurz vor einer richtungsweisenden Landratswahl. Ende Juni geht es in der Stichwahl zwischen CDU-Kandidat Sven Czekalla und AfD-Kontrahent Uwe Arendt darum, wer den Saalekreis künftig führen soll. In der ersten Wahlrunde siegte AfD-Politiker Arendt, in Mücheln bekam er 43 Prozent der Stimmen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Landkreis von Schwarz ins Blau kippen könnte.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Vor dem Schützenhaus

Schon eine Stunde vor Beginn der AfD-Veranstaltung ist die Schlange vor dem Schützenhaus lang. Ein wartender Mann fragt seinen Nebenstehenden, ob unter den Gegendemonstranten auch Einheimische seien. „Das sind keine Einheimischen“, antwortet der, „sonst könnten die hier nicht mehr einkaufen.“ Noch jemand mischt sich ein: „Schwule haben sie extra hergeholt“, sagt er und meint wohl damit ebenfalls die Gegendemonstranten. Zwei Reihen davor trägt jemand einen Handgranate-werfenden Wehrmachtssoldaten auf seinem Bauch. „Opa war Soldat, kein Verbrecher“, steht auf seinem Rücken. Und dann, klischeebeladener geht es kaum, schrillt irgendwo in der Warteschlange ein Handy. Klingelton: Gigi D’Agostinos „L’amour Toujours“.

Der Auftritt von Ulrich Siegmund

Hinter der Sicherheitskontrolle erwartet das Publikum schließlich ein lächelnder, gut gelaunter Ulrich Siegmund, der keine einzige Bitte nach einem Selfie ausschlägt. „Mal gucken, ob der Uli uns noch erkennt“, ist aus der Schlange dahinter zu hören. Der AfD-Spitzenkandidat spricht einige seiner Fans sogar mit Vornamen an, kumpelt herum, posiert für die Kameras. Es ist fast unmöglich, an ihm vorbeizukommen, ohne ihm die Hand zu schütteln. Das viel besprochene Erfolgsmodell Siegmund in Aktion: gut aussehen, bürgernah, „einer von ihnen“. Als es dann endlich losgeht, wird zunächst das Publikum eingepeitscht. „Das einzige, was im Saalekreis noch blauer ist als unsere Wahlergebnisse, ist das Wasser des Geiseltalsees“, schreit der lokale AfD-Abgeordnete Daniel Wald und erntet frenetischen Applaus.

Tillschneiders harte CDU-Attacke

Es folgt ein Schnelldurchlauf durch das Wahlprogramm. Illegale Einwanderung, „Genderwahnsinn“, Corona. Vor dem Publikum ein Selbstläufer. Der Saal quittiert die klassischen blauen Parolen mit viel Applaus und Jubel. Eine erste Stoßrichtung, wohin dieser Abend noch führen wird, kommt dann von Hans-Thomas Tillschneider, Sachsen-Anhalts AfD-Vize, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Er wolle insbesondere nach der Debatte um das „Kumpel-Foto“ noch einmal eins klarstellen, sagt Tillschneider: „Wir sind nicht angetreten, um mit der CDU zu regieren, wir sind angetreten, um die CDU fertig zu machen“. Alles andere, sagt der AfD-Rechtsaußen, „wäre Verrat an den Bürgern“. Dann tut Tillschneider kurz so, als hätte er den Namen von CDU-Fraktionschef Heuer vergessen: „Wie heißt der noch einmal?“, will er wissen.

Es ist eine einzige Show mit dem Ziel, die Konservativen und ihr Personal lächerlich zu machen. Dieses ständige Verspotten des politischen Kontrahenten zieht sich durch den gesamten Abend. Tillschneider wiederholt mehrmals die gleiche Nummer, so auch, als es um den Ministerpräsidenten geht: „Schulz oder Schule, wie heißt der noch mal?“

Möglicher „Plan B“ der AfD

Die „Welt“ berichtet am Mittwoch von einem möglichen „Plan B“ der sachsen‑anhaltischen AfD, mit dem sich laut der Zeitung auch „hochrangige Funktionäre“ der Partei befassen sollen. Sollte die absolute Mehrheit im September verfehlt werden, setze man auf die Spaltung der CDU und einige „Überläufer“, um sich die parlamentarische Mehrheit zu sichern. Am Ende also doch eine Art Kooperation mit einzelnen AfD-sympathisierenden CDU-Hinterbänklern, die bereits in der Vergangenheit für eine Zusammenarbeit plädierten?

„Es wird keine Deals geben mit der Lügen-Merz-CDU“, schreit Tillschneider in Mücheln ins Mikrofon. Und auch Siegmund, der als nächster das Wort ergreift, wird deutlich. Grüne und Linke würden den Leuten immerhin ins Gesicht sagen, „was sie wollen“, die CDU hingegen sei „hinterlistig“ und „perfide“. Die Christdemokraten „gehen mit ‚konservativen Positionen‘ in einen Wahlkampf, um einen Tag nach der Wahl, genau das Gegenteil davon umzusetzen“, sagt Siegmund. „Wir werden das nicht unterstützen.“

Kritische Fragen aus dem Publikum

Die anschließende Fragerunde wird überraschend kritisch. Ein pensionierter Lehrer, der verstehen will, woher die AfD all das Geld nehmen will, um ihre Ziele umzusetzen, und zudem die Umweltprobleme vor Ort anspricht. So betreffe Trockenheit und Wasserknappheit auch den nahen Geiseltalsee. Ein Landwirt aus dem angrenzenden Burgenlandkreis, der sich um seine polnischen und ukrainischen Saisonarbeiter sorgt: „Wenn die gehen müssen, kann ich den Laden dichtmachen.“

Auf der Bühne regiert man zumindest in Teilen überraschend unsouverän. „Informieren Sie sich besser“, sagt Tillschneider zum Lehrer, während Siegmund sich auch für die „kritische Frage“ bedankt. Man wolle Asylbewerber einsetzen, um den Harz aufzuforsten, erklärt er dann in Reaktion auf die Umweltfrage. Dem Landwirt dankt er erst für seinen „wichtigen Beruf“, dann: „Mit Saisonarbeitern hat niemand ein Problem.“

Abschluss und Ausblick

Kurz vor Ende wird es turbulent. Eine Frau mit der T-Shirt-Aufschrift „Katzis statt Nazis“ hat es irgendwie in den Saal und vor allem ans Frage-Mikrofon geschafft. „90 Prozent aller Straftaten werden von Männern begangen“, sagt sie, um direkt nachzulegen: „Ich schäme mich für jeden, der diese Partei wählt.“ Das Publikum antwortet mit höhnischem Gelächter, „Pfui“- und „Buh“-Rufen. Für die AfD-Politiker auf der Bühne reagiert Thomas Tillschneider auf die Provokation: Jedes Geschlecht habe seine „Tugenden“ und gleichzeitig seine „Untugenden“. Die „hässliche Seite des Mannes“ sei der gewalttätige Mann, die „gute“ der „Beschützer und Ernährer“. Beim weiblichen Geschlecht stelle die „intrigante Frau, die unehrlich“ sei, die „hässliche Seite“ dar, die positive „das Mütterliche“. Mit diesem Rollenbild entlässt die AfD schließlich ihr Publikum in den immer noch hellen Juni-Abendhimmel.