Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt endete am Sonntag mit einer deutlichen Stärkung von Ko-Chefin Alice Weidel und einem Dämpfer für Co-Chef Tino Chrupalla. Weidel erhielt 81,3 Prozent der Delegiertenstimmen, Chrupalla nur 70,05 Prozent. Beide wurden ohne Gegenkandidaten wiedergewählt. Die Partei bekräftigte ihren Anspruch auf Regierungsbeteiligung und stellte Weichen für die kommenden Wahlen.
Proteste und Polizeibilanz
Der Parteitag war von massiven Protesten des Bündnisses „Widersetzen“ begleitet. Trotz Sitzblockaden auf der A71 und der B7 konnte die AfD planmäßig tagen. Die Polizei zählte am Samstag bis zu 31.000 Demonstranten, die Veranstalter sprachen von 50.000. Bis Sonntagmittag wurden 65 Straftaten registriert, darunter Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Die Einsatzleitung bezeichnete den Verlauf als „überwiegend friedlich“. Zwei Journalisten wurden durch Flaschenwürfe verletzt.
Wahlergebnisse und Vorstandsneuwahlen
Neben den Vorsitzenden wurden auch die Stellvertreter neu gewählt. Sven Tritschler (NRW) erhielt 50,7 Prozent und wurde stellvertretender Vorsitzender – ein Vertrauter Weidels. Der Höcke-Vertraute Stefan Möller (Thüringen) wurde mit 76,54 Prozent ebenfalls zum Stellvertreter gewählt. Hannes Gnauck setzte sich im dritten Wahlgang gegen Carsten Hütter als Bundesschatzmeister durch (51 Prozent). Die AfD hat laut Hütter einen Kontostand von rund 14 Millionen Euro.
Weidel distanziert sich von traditionellem Familienbild
In einem Interview mit RTL/ntv distanzierte sich Weidel von Aussagen im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, das die traditionelle Familie als „beste Voraussetzung für eine gute Kindesentwicklung“ beschreibt. Weidel, die mit einer Frau zusammenlebt und zwei Kinder großzieht, sagte: „Die können reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes.“ Gleichzeitig verteidigte sie das gesellschaftliche Leitbild der Partei.
Regierungsanspruch und Wahlkampf
Chrupalla rief in seiner Rede: „Die AfD ist da, um zu siegen. Und wir werden siegen und wir werden regieren.“ Ziel sei die Regierungsübernahme im Bund bis 2029. Weidel betonte: „Nach der nächsten Bundestagswahl werden wir Regierungsanspruch erheben, denn wir sind stärkste Kraft.“ Die Partei beschloss eine Satzungsänderung, um 2029 aufgrund des Superwahljahres (Bundestags-, Europa- und mehrere Landtagswahlen) keinen Bundesparteitag abhalten zu müssen.
Höcke: Brandmauer gescheitert
Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke erklärte in seinem Grußwort die „Brandmauer“ der anderen Parteien für gescheitert. Er drohte der „bunten Zivilgesellschaft“: „Wenn wir regieren, dann wird der bunten Zivilgesellschaft der Steuerstecker gezogen.“ Zuvor hatte Höcke auf Druck der Parteispitze einen Antrag zur Öffnung der Unvereinbarkeitsliste für extremistische Organisationen zurückgezogen.
Grüne kritisieren NSDAP-Bezug
Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch warf der AfD vor, sich bewusst in die Tradition der NSDAP zu stellen, da der Parteitag 100 Jahre nach dem Reichsparteitag der NSDAP in Weimar stattfand. „Dies darf niemals akzeptiert werden“, so Audretsch. Er begrüßte die friedlichen Proteste Zehntausender gegen die AfD.
Mitgliederwachstum und Ausblick
Weidel verkündete, die AfD habe aktuell 75.000 Mitglieder – ein deutlicher Anstieg von 50.000 Ende 2024. Sie zeigte sich zuversichtlich, bald die 100.000-Marke zu knacken. Die Partei sieht sich als „neue Volkspartei“ und „politischen Taktgeber im Bund“. Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern reklamiert die AfD Führungsansprüche.



