Es war unbestritten der bisherige Höhepunkt des diesjährigen Jazznacht-Festivals: Am Samstagabend präsentierte der international gefeierte Bassist Dieter Ilg mit seinem Trio das neue Live-Programm „Motherland“ in der Schweriner Schelfkirche. Gleichzeitig war es der vorläufig letzte Jazzabend an diesem ganz besonderen Ort, den Festival-Kuratorin Marianne Wöhrle-Braun seit 2010 regelmäßig für spektakulären Live-Jazz nutzte. Die Kirche steht nun vor einer längeren Sanierungsphase, um die gefährdete Statik der Dachkonstruktion dauerhaft zu sichern.
Stille als Kontrapunkt: Ilg-Trio entfacht Harmonie
Mit Dieter Ilg stand ein alter Freund und Stammgast des Festivals auf der Bühne, der das Schweriner Jazznacht-Publikum bereits mehrfach unter dem Motto „Jazz meets Business in Benefit“ begeistert hatte. Diesmal sorgte der Bassist gemeinsam mit seinen musikalischen Partnern Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagzeug für eine atemberaubende, traumhafte und beglückende Stimmung in den alten Mauern. In seiner Moderation sagte Ilg: „Ich suche die Stille und möchte sie in unserer Musik festhalten.“ Tatsächlich entwickelte sich das Konzert im Laufe des Abends zu einer Oase voller Harmonie, Tiefe und Wohlklang.
Neben der Meisterschaft der drei Musiker überzeugte auch die Setlist, die bekannte Evergreens wie die „Schwarzwaldfahrt“ von Horst Jankowski und Burt Bacharachs „Close To You“ sowie beeindruckende Eigenkompositionen von Ilg und Böhm umfasste. Ein besonderes Highlight setzte Drummer Patrice Héral mit einem euphorisierenden Solo für Stimme und Rhythmus-Instrumente im Rahmen des Soul-Klassikers „People Make The World Go Round“. Die zu erlebende Euphorie kam nicht von ungefähr, denn wenige Stunden zuvor, mitten in der Nacht, hatte Héral eine wunderbare Nachricht erhalten. Nach seinem Auftritt verriet der Musiker im Gespräch mit unserer Zeitung: „Das Telefon klingelte mitten in der Nacht um drei. Und nun bin ich glücklicher Großvater. Eines ist schon jetzt gewiss: Der Junge wird einmal Schlagzeuger!“
Weitere Höhepunkte des Festivals
Das Konzert in der Schelfkirche war nicht das einzige Highlight des diesjährigen Jazznacht-Festivals. Bereits im Januar hatten Liam Möller und der Jazznacht-Förderpreisträger Caspar Rutsch im Modehaus Kressmann mit Eigenkompositionen und Bearbeitungen von Paul Motian und Karla Bley für viel Beifall gesorgt. Auch die Jazznacht-Premiere Mitte März in der Landesbibliothek Günther Uecker M-V, die einen kurzweiligen Gesprächsabend zum Thema Jazz mit Live-Musik-Beiträgen der Musiker Ingolf Burkhardt (Trompete), Christoph Möckel (Saxophon) und Christophe Schweizer (Posaune) verband, wird in guter Erinnerung bleiben. Gastgeber Matthias Wehry kündigte an, diese Reihe demnächst fortzusetzen.
Rilkes Lyrik trifft kammermusikalischen Jazz
In der vergangenen Woche gab es in der Landesbibliothek einen weiteren Jazz-Abend, der Rainer Maria Rilkes unsterbliche Lyrik mit feinsten kammermusikalischen Kompositionen verband. Die belgische Sängerin Sophie Tassignon stellte gemeinsam mit der deutsch-amerikanischen Alt-Saxophonistin Susanne Folk, dem deutschen Bassklarinettisten Lothar Ohlmeier und dem Schweizer Kontrabassisten Andreas Waelti ein Programm vor, das jenseits gängiger Jazzklischees überzeugte. Unterstützt wurde das international besetzte Azolia-Ensemble durch die Wortbeiträge von Katrin Heinrich. Die Schauspielerin, langjähriges Ensemblemitglied des Mecklenburgischen Staatstheaters, bereicherte die Jazz-Klänge mit ihrem tiefen Gespür für Rilkes Poesie.
Zuvor hatte die vom Kontrabassklarinettisten Ernst Ulrich Deuker reformierte Band Affäre Bela B. ein spannendes kammermusikalisches Improvisationsprogramm vorgestellt, das dem im vergangenen Jahr verstorbenen Improvisationsmeister Theo Jörgensmann gewidmet war. Es verband gekonnt Kompositionen des lange in Brüel lebenden Musikers Jörgensen mit der Musik des ungarischen Komponisten Béla Bartók.
Finale mit Hila Kulik
Ein weiterer Höhepunkt steht noch aus: Zum Abschluss des an Höhepunkten reichen diesjährigen Jazznacht-Festivals wird am Montagabend die preisgekrönte Pianistin und Komponistin Hila Kulik mit ihrem Trio das Studio-Album „More than a Change“ live im Modehaus Kressmann in Schwerin vorstellen.



