Welttag des Buches: Zwischen Papier und Pixel – Wie sich unser Leseverhalten radikal wandelt
Welttag des Buches: Wie sich unser Leseverhalten wandelt

Welttag des Buches: Zwischen Papier und Pixel – Wie sich unser Leseverhalten radikal wandelt

Das klassische Bild vom Lesen – ein ruhiger Nachmittag mit Buch in der Hand, Stille und konzentriertes Umblättern – wirkt heute wie eine nostalgische Erinnerung. Wer durch Bahnhöfe, Cafés oder U-Bahnen geht, sieht stattdessen Menschen, die auf Smartphones scrollen, E-Book-Reader nutzen oder kurze Textfragmente zwischen Benachrichtigungen konsumieren. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob wir lesen, sondern wie wir es tun und was dieser Wandel für unsere Kultur bedeutet.

Der Buchmarkt im Wandel: Zahlen erzählen eine komplexe Geschichte

Das Nachrichtenportal „Buchmarkt“ meldet für das Jahr 2025 einen Umsatzrückgang von 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wobei auch der stationäre Buchhandel Verluste verzeichnete. Im Vergleich zu 2022 blieb der Markt jedoch insgesamt stabil. International zeigt sich ein ähnliches Bild: In einigen europäischen Märkten gehen die Umsätze leicht zurück, während andere Regionen weiteres Wachstum verzeichnen.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine interessante Entwicklung: Die Zurückhaltung der Käuferinnen und Käufer hängt weniger mit einem nachlassenden Interesse am Lesen zusammen als mit einer allgemein verhaltenen Konsumstimmung. Bücher werden nicht grundsätzlich weniger nachgefragt – sie werden in einem Umfeld steigender Preise und unsicherer Kauflaune lediglich vorsichtiger erworben.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Besonders bemerkenswert: Während viele Bereiche des Buchmarkts leicht verlieren, legt ausgerechnet die Belletristik weiter zu – sowohl national als auch international. Geschichten scheinen also nach wie vor zu funktionieren und Leserinnen und Leser zu fesseln.

Quantität versus Qualität: Lesen wir heute mehr oder weniger?

Für den Leipziger Medienwissenschaftler Sven Stollfuß hat sich die entscheidende Frage fundamental verschoben. Im Interview mit dem Leipziger Universitätsmagazin betont er: „Gemessen an den Textmengen, die über Apps auf Smartphones gelesen werden, lesen wir quantitativ unterm Strich sogar mehr.“ Doch mehr Text bedeutet nicht automatisch mehr Tiefe oder besseres Verständnis.

Zwischen E-Books, Hörbüchern und sozialen Medien werde Lesen fragmentierter und schneller. Während E-Reader für viele noch wie eine digitale Verlängerung des klassischen Buches funktionieren, verändert das Smartphone den Lesemodus deutlich stärker. Push-Nachrichten, parallele Apps und ständige Unterbrechungen erschweren die Konzentration erheblich.

„Man liest deutlich stärker unter dem Einfluss multipler Störfaktoren“, erklärt Stollfuß. Statt des stillen Versinkens in Texte dominiere oft das schnelle Überfliegen – das sogenannte „Skimming“: Lesen zwischen zwei Benachrichtigungen, aufmerksam und doch ständig unterbrochen.

Die Wissenschaft zum Lesen: Papier behält seine Vorteile

Der US-Autor und Medienkritiker Nicholas Carr warnte in seinem Buch „The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains“ bereits früh vor dem Verschwinden des „tiefen Lesens“ – jenes konzentrierten Eintauchens in längere Texte, das Zeit, Ruhe und ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt. Stattdessen dominierten heute das schnelle Erfassen, Überfliegen und Springen zwischen Inhalten.

Die Forschung bestätigt diese Diagnose: Digitale Texte werden häufiger selektiv gelesen, während gedruckte Bücher gerade bei längeren und komplexeren Inhalten klare Vorteile bieten – insbesondere beim Verstehen, Erinnern und bei der Konzentrationsfähigkeit.

Besonders deutlich formuliert dies die sogenannte Stavanger-Erklärung von 2019, die bis heute aktuell bleibt. Mehr als 130 europäische Leseforscherinnen und -forscher kamen damals zu einem einfachen, aber bedeutsamen Befund: Bildschirm und Papier sind nicht dasselbe. Wer lange, anspruchsvolle Texte wirklich verstehen will, ist auf Papier oft im Vorteil – vor allem bei Konzentration, Gedächtnisleistung und Textverständnis.

Kein Entweder-Oder: Digitale und analoge Lesekompetenzen

Es geht dabei nicht darum, was „besser“ oder „schlechter“ ist. Digitale Medien trainieren andere wichtige Fähigkeiten:

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration
  • Das schnelle Filtern von Informationen
  • Die Navigation in komplexen Informationsumgebungen
  • Die Orientierung im digitalen Überfluss

Die entscheidende Frage lautet daher nicht Papier oder Bildschirm, sondern: Wann brauchen wir Tiefe – und wann reicht Tempo? Beide Formen des Lesens haben ihren Platz in unserer modernen Medienlandschaft.

Die Zukunft des Lesens: Müssen wir Lesen neu definieren?

Die Frage, wie sich Lesen verändert, wird nicht mehr nur im Rückblick auf Buchmarkt oder Medienwandel gestellt, sondern zunehmend mit Blick nach vorn. Für Christoph Engemann lösen KI-Tools, Podcasts und kurze Video-Clips klassische Formen der Schriftkultur zunehmend ab.

In seinem Buch „Die Zukunft des Lesens“ beschreibt er, dass wir zunehmend „lesen lassen“ – und damit ein neues Machtgefälle zwischen Selbstlesenden und „aus zweiter Hand“ Lesenden entsteht. Damit stellt sich dann auch die grundlegende Frage: Was gilt überhaupt noch als Lesen in einer Welt, in der Texte nicht nur gelesen, sondern auch vorgelesen, zusammengefasst und algorithmisch aufbereitet werden?

Gerade in Zeiten von Ablenkung und Speed Reading bleibt die Fähigkeit zum tiefen, konzentrierten Lesen relevant und wichtig. Sie bildet die Grundlage für kritisches Denken, komplexes Verständnis und nachhaltiges Lernen – Kompetenzen, die in unserer digitalen Welt wertvoller denn je sind.