Robert Seethalers neuer Roman „Die Straße“: Geschichten vom Leben und Sterben
Seethalers „Die Straße“: Leben am Rand

Robert Seethaler entführt seine Leser in seinem neuen Roman „Die Straße“ in eine Welt der kleinen Leute. Die Heidestraße, eine namenlose Straße am Rande einer deutschen Stadt, wird zum Schauplatz vieler berührender Lebensgeschichten. Wie bereits in seinem Erfolgsroman „Das Feld“ verzichtet Seethaler auf eine lineare Erzählung. Stattdessen reiht er locker Schilderungen, Dialoge und Kommentare der Anwohner aneinander, aus denen sich ein buntes Gesamtpanorama ergibt.

Die Heidestraße: Ein Ort der Gegensätze

Die Heidestraße ist alles andere als schön. Sie ist ein architektonisches Sammelsurium, geprägt von Nachkriegsbausünden. Mehrfamilienhäuser dominieren das Bild, in denen Kleinbürger leben. Es gibt „ein paar Läden von vorgestern, ein Gasthaus, eine Kneipe, ein Altersheim und eine verhunzte Statue“. Die Anbindung an die Innenstadt ist schlecht: weder Tram noch Bus fahren hier. Doch genau diese Randlage macht die Straße für Investoren interessant, die sie in ein schickes Wohnquartier verwandeln wollen. Den Bewohnern droht die Verdrängung – ein unterschwelliges Bedrohungsszenario, das sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht.

Zeitlose Konflikte und aktuelle Bezüge

Die zeitliche Einordnung des Romans bleibt bewusst vage. Hinweise auf die Siebzigerjahre – der Musikfilm „Grease“, die letzten Kohlenhandlungen, die Erinnerungen an den Bombenkrieg – deuten auf eine Vergangenheit hin. Doch das Thema Gentrifizierung ist hochaktuell und macht die Geschichte zeitlos. Die menschlichen Konflikte sind universell: Alte Menschen, die ins Heim abgeschoben werden und dort auf den Tod warten, ein Halbstarker, der auf einem Volksfest zuschlägt, ein Priester, der seinen heimlichen Süchten erliegt, und ein blauäugiger Antiquar, der pleitegeht.

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Liebe und Einsamkeit in der Heidestraße

Besonders eindringlich sind die Geschichten der Liebessüchtigen. Die Blumenfrau etwa schreibt einem ahnungslosen Reifenhändler verzehrende Liebesbriefe und verliert sich dabei selbst. Einsame Seelen gibt es viele in diesem Roman. Seethaler gelingen starke, poetische Bilder: „Da liegen sie in ihren Betten und treiben dahin wie in kleinen Booten, jeder für sich ganz allein auf dem tiefen, schwarzen Meer aus Benzodiazepinen.“

Ein komplexes Mosaik mit vielen Stimmen

Die Konstruktion des Romans ist anspruchsvoll. Knochentrockene Amtsbriefe stehen neben schwülstigen Liebesschwüren, innere Monologe wechseln mit banalen Thekengesprächen. Nicht immer ist klar, wer spricht, betet oder doziert. Die Vielzahl an Handlungssträngen und Protagonisten, von denen einige namenlos bleiben, macht es dem Leser nicht leicht. Am Ende fügt sich das bunte Mosaik nur schwer zu einem stimmigen Ganzen. Dennoch ist „Die Straße“ ein lesenswertes Buch, das die bedrohte Welt der kleinen Leute einfühlsam und vielstimmig porträtiert.

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