Die Uraufführung von „Spooky Paradise“ an der Volksbühne entführt das Publikum in eine Welt zwischen Zirkusrevue und Endzeitstimmung. Regisseur Philippe Quesne verwandelt den großen Raum in ein verlorenes Gelände, auf dem eine verlotterte Zirkustruppe gestrandet ist. Die Bühne ist bevölkert von Gestalten, die wirken, als hätten sie ihre eigene Epoche verpasst. Die letzten Erben einer Zirkusfamilie kämpfen zwischen Erinnerung und Hoffnung, ohne Gewissheit, dass ihr Geschäft noch eines ist. Doch aus dem Brachland schält sich eine Manege, und die künstliche Anordnung beginnt ein Eigenleben zu entwickeln.
Ein permanentes Weiterkämpfen
Die Figuren, zunächst träge und leblos, geraten in Bewegung. Sie zerren einen Leichensack auf die Bühne – darin ein toter Clown. Ein Bild zwischen Groteske und Abschied. Kuscheltiere, Schlangen und ein Tiger bevölkern die Szenerie – Attrappen, Erinnerungen, ein verzweifelter Versuch, Zirkus zu spielen. Das mehrsprachige Ensemble produziert Szenen zwischen Slapstick und Poesie, Anarchie und Präzision. Mit den Volksbühnen-Größen Martin Wuttke und Kathrin Angerer wird der Klamauk durchaus ernst. Mit Wucht und Vehemenz werden Pflastersteine in den Bühnenraum geschmettert, mit ohrenbetäubendem Getöse schlagen sie auf. Der Moment kippt ins Exzessive, als die Spieler die Steine schließlich ins Publikum werfen.
Quesne erzählt nicht, er lässt geschehen
Über lange Strecken wird nicht gesprochen. Stattdessen wird agiert, musiziert, gekämpft. Es ist ein irrwitziges, bisweilen bewusst hirnrissiges Spektakel, das sich jeder klaren Logik entzieht. Dann senkt sich eine riesige Tarantel über die Manege. Bedrohung oder Schutz? Muttertier oder Falle? Ihr Netz wird zum Zuhause oder Gefängnis. Quesne lässt diese Bilder stehen, offen für Projektionen. Wie so vieles an diesem Abend.
Brauchen wir eine Geschichte?
Immer wieder kommt Leben in die Figuren. Ein Tauziehen – doch am anderen Ende steht kein Gegner, sondern ein Bagger. Die Bühne dreht sich fast unaufhörlich. Musik setzt ein. Alles scheint im Fluss, nichts kommt zum Stillstand. Die Zirkusleute agieren wie auf einem Filmset, filmen sich selbst, beobachten sich beim Überleben. „Was soll hier gedreht werden?“, ruft Martin Wuttke in den Raum. „Was, was keine Geschichte braucht?“ Seine Antwort bleibt fragmentarisch, tastend: eine Möglichkeit, die Wirklichkeit anders zu verstehen. Eine, in der das Hier und Jetzt vielleicht gar nicht mehr zählt.
The show must go on
Immer wieder versuchen die Figuren, das „Spooky Paradise“ zum Leuchten zu bringen – im wahrsten Sinne. Die grellen Buchstaben auf dem Gerüst gehen an, fallen aus, werden repariert. Ein fehlendes „A“ in Paradise wird wieder eingesetzt, als hinge daran alles. Es ist ein ständiger Kampf um das Weitermachen, ein zähes Ringen gegen das Verschwinden. Quesnes Theater interessiert sich für diese Momente: das Dazwischen, den Versuch, weiterzumachen, obwohl die Bedingungen längst brüchig geworden sind. Seine Bühne funktioniert wie eine eigene kleine Welt, die immer wieder ins Publikum hineinwächst: die Pflastersteine, die gigantische Spinne, die sich bedrohlich herabsenkt, als könne sie jeden Moment in den Zuschauerraum kippen. Zwischen Musik, Bewegung und stillen Tableaus entsteht ein Raum, der zugleich poetisch, absurd und melancholisch ist.
Zirkus als Metapher
„Spooky Paradise“ verhandelt das Leben selbst – als permanentes Improvisieren, ein universales Prekariat. Der Zirkus wird zur Metapher: für Arbeit, für Kunst, für Existenz. Die Figuren sind Akrobaten ihres eigenen Daseins, gezwungen, Balance zu halten in einer Welt, die keinen festen Boden mehr hat. Das verzweifelte Spektakel kippt immer wieder ins Lächerliche, ins Groteske – und genau darin liegt seine Wahrheit. Am Ende bleibt kein klares Bild, keine Botschaft im klassischen Sinne. Sondern ein Zustand: zwischen Erschöpfung und Hoffnung, zwischen Stillstand und Neubeginn. Vielleicht ist das „Spooky Paradise“ kein verlorenes Paradies – sondern eines, das unheimlich zwar, aber doch nur unter diesen Bedingungen existieren kann.



