Wenn die Bühne zur Wundertüte wird
Ein Abend ohne Netz und doppelten Boden: Die „Offene Bühne“ im Multikulturellen Centrum Templin zeigt, wie lebendig, überraschend und verbindend Kultur in der Region sein kann. Es gibt Abende, die sich nicht planen lassen – und gerade darin ihre Qualität entfalten. Die „Offene Bühne“ im Multikulturelles Centrum Templin gehört zu diesen Formaten. Was am Sonnabend im großen Saal des Hauses geschah, war einmal mehr ein lebendiger, überaus unterhaltsamer Querschnitt durch das, was Kultur in der Uckermark sein kann: überraschend, durchlässig, nahbar.
Dabei trägt schon der Ort eine eigene Geschichte in sich. Seit mehr als einem Jahrhundert wird auf der Bühne des Hauses gespielt, gesprochen, musiziert – Generationen von Künstlern haben hier ihre Spuren hinterlassen. Dass die Stadt Templin diese Bühne 2017 umfassend erneuern und erweitern ließ, war mehr als eine bauliche Investition. Es war ein Bekenntnis zur kulturellen Zukunft eines Ortes, der sich selbstbewusst als Forum für Austausch, Vielfalt und Debatte versteht.
Genau hier setzt die „Offene Bühne“ an. Seit 2018 hat sich das Format zu einem festen Bestandteil des regionalen Kulturlebens entwickelt. Ihr Prinzip ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: Niemand weiß, was kommt. Keine Gagen, keine Wettbewerbe, keine Hierarchien – stattdessen ein Abend, an dem sich Profis und Laien, Routiniers und Neulinge die Klinke in die Hand geben.
Sieben unterschiedliche Acts
Auch an diesem Aprilabend zeigte sich die Spannweite eindrucksvoll. Sieben Acts standen auf dem Programm, moderiert – zum dritten und vorerst letzten Mal – von MKC-Leiterin Kathrin Bohm-Berg. Dass sie die Moderation im Herbst abgeben wird, kündigte sie zwar an, doch wer ihr folgt, soll vorerst ein Geheimnis bleiben. Zum Auftakt präsentierten mit Chimo Sachs und Vincent Heinig zwei junge Männer, beide mit Uckermark-Berlin-Biografie, auf der Bühne eine Performance über häusliche Gewalt – ein intensiver Einstieg, der Musik und Theater verschränkte.
Danach wurde es leiser, poetischer: Maxi Pincus-Pamperin, Jahrgang 1956 und lange mit dem Buckower Brecht-Weigel-Haus verbunden, stellte Fragen in Gedichten und Aphorismen, die nachhallen – über Liebe, über das Leben, über die kleinen und großen Drachen des Alltags. Wie sehr die „Offene Bühne“ auch ein Ort der Entwicklung ist, zeigte der Auftritt der Band „Aeterum“, die eigentlich keine Schülerband mehr ist. Was vor sieben Jahren im Foyer begann, begleitet und angeleitet von Reiner Vedder, ist inzwischen gewachsen – musikalisch wie biografisch. Zwischen jugendlicher Energie und ersten eigenen Kompositionen entstand ein Moment, der vom Publikum mit Nachdruck eingefordert wurde: Zugabe.
Nach der Pause verschob sich der Ton ins Experimentelle. Jana Debroth und Andreas Nachtmann aus Angermünde präsentierten mit ihrer „Neuen Baustelle“ eine digitale Klanginstallation – inklusive technischer Störungen, die fast schon Teil der Inszenierung wurden. Zwischen Ausfällen, Improvisation und schließlich doch funktionierender Elektronik entstand ein eigenwilliges Klangbild, das irritierte und faszinierte zugleich. Einen Kontrapunkt setzte anschließend Stine alias Christine Kugler. Am Flügel, mit Textblatt und klarer Stimme führte die Singer-Songwriterin, Schauspielerin und Sprecherin zurück ins Analoge. Ihre Lieder – in Templin und Milmersdorf entstanden – erzählen von Landschaften, Gefühlen und der Sehnsucht, sich treiben zu lassen. Als Hefeteig zum Beispiel … Ein Moment des Innehaltens.
Der spätere Abend gehörte dann wieder der Energie. „Taco Toaster“ aus Neuruppin lieferten solide Coverarbeit mit augenzwinkerndem Selbstverständnis, bevor „VEB Klangschale Templin“ den Saal in der Stunde vor Mitternacht endgültig auf Betriebstemperatur brachte. Garagenrock statt Klangschalen-Esoterik – laut, direkt, mitreißend. Auch hier: nicht ohne Zugabe. Was bleibt von diesem Abend? Vor allem der Eindruck eines funktionierenden Konzepts. Der Applaus nach jedem einzelnen Auftritt – und noch einmal gebündelt kurz vor Mitternacht – bestätigte, dass die Mischung trägt.
Unterschiedliche Genres, Generationen und Hintergründe fügten sich zu einem Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Die „Offene Bühne“ ist damit längst mehr als ein Experiment. Sie ist auch ein Seismograf für das kulturelle Leben der Region – und ein Versprechen: dass Kunst dort entsteht, wo man ihr Raum gibt. Ohne Eintritt, ohne Schwellenangst, aber mit offenem Ausgang. Man weiß nie, was kommt. Und genau deshalb lohnt es sich, hinzugehen.



