Henry Hübchen: „Jakob der Lügner“-Star plaudert über DDR-Drehs in Schwerin
Henry Hübchen: DDR-Drehs und Filmkunstfest in Schwerin

Als Henry Hübchen am Filmpalast Capitol eintrifft, bleiben Besucher stehen, machen Fotos und wechseln ein paar Worte mit ihrem Idol. Wenig später scheint die Welt für einen Moment stillzustehen. Mischa schaut Rosa an – vorsichtig, beinahe zögernd. Ein Blick, der Hoffnung trägt, obwohl sie in dieser Geschichte keinen Platz hat. Im voll besetzten Kinosaal 4 wird am Mittwochabend der Defa-Klassiker „Jakob der Lügner“ aus dem Jahr 1974 gezeigt, als Warm up von SVZ und Nordkurier für das Schweriner Filmkunstfest.

Hübchen sieht Holocaust-Film heute mit anderen Augen

Die zahlreichen Zuschauer verfolgen die tragische Geschichte aus dem jüdischen Ghetto angespannt. Und mittendrin sitzt Hübchen selbst – im Publikum, vor seinem eigenen Film als Schauspieler. Ein Film, den er heute mit anderen Augen sieht, wie er später erzählt.

„Mein Gott, war das ein toller Film“

Nach dem Abspann nimmt Henry Hübchen neben Redakteurin Karin Koslik Platz. Es ist kein strenges Frage-Antwort-Spiel, eher ein Gespräch, bei dem die Erinnerungen Stück für Stück wiederkommen. „Vor 52 Jahren, als wir den Film gedreht haben“, beginnt Henry Hübchen, Jahrgang 1947, und lacht kurz. Wie alt er damals gewesen sei? Er muss selbst nachrechnen.

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„Es ist unglaublich, dass ich den angucke und denke: Mein Gott, ja, das war ja wirklich ein toller Film.“ Früher sei das anders gewesen. „Als oberflächlicher Jugendlicher“ habe er vieles gar nicht so wahrgenommen. Heute sehe er Details, die ihm damals entgangen seien – auch die leisen Zwischentöne. Mit Mischa wurde Hübchen damals einem breiten Publikum in der DDR bekannt und heute, 52 Jahre später, blickt er selbst mit einigem Respekt auf diese Rolle zurück.

Dreharbeiten in der DDR: „Vor allem früh aufstehen“

Über die Arbeit am Film spricht Henry Hübchen ohne Nostalgie. „Wie jede Dreharbeit. Sie müssen vor allem früh aufstehen“, sagt er. Viel Komfort habe es nicht gegeben. „Das war DDR, also wir hatten ja nicht so einen komfortablen Trailer.“ Gedreht wurde unter einfachen Bedingungen, vieles lief direkter, weniger abgeschirmt als heute. Auch das Miteinander am Set beschreibt er nüchtern. Große künstlerische Gespräche habe es selten gegeben. „Da ging es um Gartengeräte oder die jungen Frauen meiner Kollegen“, sagt er und bringt das Publikum zum Lachen.

Vom gescheiterten Physikstudenten zur Filmlegende

Dass er einmal Schauspieler werden würde, war keineswegs geplant. Hübchen erzählt, dass er zunächst Physik studierte. Jemand habe ihm erklärt, die großen Physiker seien auch Philosophen gewesen – das habe ihn überzeugt. Doch das Studium selbst überzeugte den Freigeist nicht. Zu viel Theorie, zu viel Ideologie. Er brach ab. Eigentlich habe er ohnehin Regisseur werden wollen. „Ich wollte auch so einen roten Schal tragen und so eine braune Lederjacke.“ Doch dafür fehlten ihm die Voraussetzungen. Also ging er zur Schauspielschule – eher als Ausweg. Seine Begründung sorgt für Gelächter im Saal: „Ich wollte Schauspieler werden, weil ich Schauspieler ein bisschen verachtet hatte“, sagt Hübchen und lacht über den eigenen Widerspruch.

Zieht Henry Hübchen nach Schwerin?

Auch seine Verbindung zu Schwerin bleibt nicht unerwähnt. „Natürlich erinnere ich mich an die fünf Folgen „Polizeiruf 110“, die wir hier damals gedreht haben“, sagt er. Hübchen überlegt kurz, sucht nach Bildern. „Schloss und Theater und der See“, sagt er schließlich. Dann fügt er hinzu, hier könne man durchaus leben. Die knappe Einschätzung kommt im Saal gut an. Aus dem Publikum werden Stimmen laut, er könne doch gleich ganz bleiben. Karin Koslik greift den Moment auf und merkt an, dass Schwerin nur noch wenige Einwohner bis zur Großstadtmarke fehlen. Hübchen reagiert mit einem trockenen „Will man das denn? Sonst geht es Schwerin wie Berlin“ – und der Saal lacht.

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Begegnungen rund um den Abend

Dann wird es noch einmal persönlich: Blumen werden überreicht, das Publikum erhebt sich. Standing Ovations – für das Gespräch, aber auch für eine lange Schauspielkarriere. Hübchen nimmt es mit einem trockenen Kommentar auf. Den Begriff „Lebenswerk“, für den er 2018 beim Filmkunstfest MV mit dem „Goldenen Ochsen“ geehrt wurde, mag er nicht. „Das klingt so, als wäre man fertig. So, hier ist der Preis, danke schön, tschüss.“ Er selbst sei definitiv noch nicht fertig.

Der Abend im Capitol ist der Auftakt zum 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern gewesen. Vom 5. bis 10. Mai wird Schwerin erneut zum Treffpunkt für Filmschaffende und Publikum. Gastland ist in diesem Jahr Island.