Die Wange und der Mundwinkel sind tief vernarbt, der Blick fast grimmig, der Gang breit. Als ein Soldat nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem abgelegenen Dorf auftaucht, ahnt die Gemeinschaft nicht, wer er wirklich ist: eine Frau, die sich als Mann ausgibt, um zu überleben. Davon erzählt das Drama „Rose“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle.
Hüller beeindruckt als wortkarge Protagonistin
Hüller spielt die titelgebende Rose, eine Frau, die nach dem Krieg die Identität eines gefallenen Soldaten annimmt, um einen Hof zu übernehmen. Für ihre Darstellung wurde sie bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Film von Markus Schleinzer zeigt eindringlich die Stigmatisierung und Unterdrückung von Menschen, die von Normen abweichen – ein Thema, das auch heute noch aktuell ist.
Vom Sonderling zum Bärentöter
Die Handlung wird in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt, begleitet von einer weiblichen Erzählstimme (Marisa Growaldt), die dem Film eine märchenhafte Note verleiht. Rose kehrt aus dem Krieg zurück, die Landschaft ist karg, Skelette liegen in der Erde. Sie nutzt die Identität eines gefallenen Soldaten, um einen Hof zu übernehmen. Im Dorf gilt sie zunächst als Sonderling und wird erst akzeptiert, als sie einen Bären erlegt und die Felder beackert. Sie heiratet sogar die ahnungslose Bauerntochter Suzanna (Caro Braun). Mit zunehmenden Erwartungen an Ehe und Nachwuchs wird klar, dass auch Suzanna ein Geheimnis verbirgt. Gemeinsam versuchen sie, ihre Tarnung aufrechtzuerhalten, doch die Dorfgemeinschaft wird misstrauisch – das Leben der beiden Frauen hat wenig Aussicht auf ein glückliches Ende.
Künstlicher Penis aus Horn und eingeschnürter Oberkörper
Regisseur Schleinzer ließ sich für das Drama von historischen Frauenschicksalen inspirieren. Mit seinem Co-Autor recherchierte er rund 300 Fälle aus drei Jahrhunderten. Die Gründe für Frauen, sich als Männer zu verkleiden, waren vielfältig – etwa um Zwangsverheiratungen zu entgehen. Für ihre Rolle trug Hüller einen künstlichen Penis aus Horn und ließ ihren Oberkörper einschnüren. Im Interview mit der „Zeit“ sagte sie: „Mir hat ständig was zwischen den Beinen gebaumelt. Das war wichtig, denn es ist schon interessant, was das mit einer Körperhaltung macht. Jetzt verstehe ich, warum Männer so gehen, wie sie gehen.“
Selbstermächtigung im Patriarchat
„Rose“ dreht sich um Selbstermächtigung in einer patriarchalen Gesellschaft. Die männliche Identität wird für die Protagonistin zur Voraussetzung, um gesellschaftlichen Zwängen zu entkommen. Hüller, die 2024 für „Anatomie eines Falls“ für einen Oscar nominiert war, brilliert mit einer sensiblen Charakterdarstellung. Sie sagte der dpa, sie habe eine spürbare körperliche Veränderung erlebt und unter anderem Kampf- und Krafttraining gemacht. Doch schwerer als die körperlichen Veränderungen sei es gewesen, die Lüge und Spannung aufrechtzuerhalten: „Wer kommt von wo? Wer sieht was von mir? Was kann ich zeigen? Was nicht? Wo bin ich wirklich alleine?“
Hüller: „Rose“ zeigt eine Utopie
Aus Hüllers Sicht zeigt der Film eine Utopie. „Ich weiß, dass diese Utopie für viele Menschen, die in Gesellschaftsgruppen leben, denen es aktuell nicht leicht gemacht wird dazuzugehören, extrem wichtig ist. Dass es unglaublich schmerzhaft ist, wenn sie zerstört wird. Das darf man einfach nicht zulassen.“ Man könne Menschen nicht dafür bestrafen, dass sie versuchen, frei zu sein. „Das hat dann mit der Arbeit jeder einzelnen Person innerhalb dieser Gesellschaft zu tun und mit dem Befragen von sich selbst, an welchen Stellen man denn mit wem solidarisch ist und mit wem nicht. Wann man vielleicht still ist, wann man eigentlich was sagen müsste.“ Sie verstehe den Film auch als eine Art Entwurf, empathisch und menschlich zu sein. „Rose“ bleibt damit erstaunlich gegenwärtig, weil er zeigt, dass die Frage nach Selbstbestimmung auch heute noch nicht abgeschlossen ist.



