Münchens Müller'sches Volksbad: Jugendstil-Juwel feiert 125-jähriges Bestehen
Müller'sches Volksbad München: 125 Jahre Jugendstil-Palast

Ein Badepalast mit 125 Jahren Geschichte: Das Müller'sche Volksbad in München

Erich Kühberger (61) hat zweifellos einen der außergewöhnlichsten Arbeitsplätze Münchens. Als Badmanager des prächtigen Müller'schen Volksbads betreut er nicht nur ein Schwimmbad, sondern ein architektonisches Juwel. Bei einem exklusiven Rundgang mit der AZ enthüllt er verborgene Winkel des denkmalgeschützten Gebäudes, darunter den Keller, in dem bis 1978 sogar Hunde gebadet wurden.

Ein Arbeitsplatz wie kein anderer: Jugendstil in Vollendung

"So einen Palast, wie wir ihn haben, gab's noch nie", erklärt Kühberger mit spürbarem Stolz. Der 61-Jährige leitet Münchens ältestes Hallenbad seit seiner ersten Anstellung hier im Jahr 1985. Damals, erinnert er sich, wurden Badegäste noch "wie Mumien eingewickelt" – eine Praxis aus Zeiten, als das Bad eigene Masseure beschäftigte und Männer und Frauen getrennt schwammen.

Das Müller'sche Volksbad präsentiert sich als neubarocker Bau mit faszinierenden Jugendstilelementen. Die wundervollen Stuckarbeiten in den Kuppeln über den Schwimmbecken, die verspielten Fenster und Geländer sowie die kunstvoll verzierten Holztüren und dekorativen Lampen verleihen dem Gebäude eine einzigartige Ausstrahlung. So sehr, dass Besucher manchmal den eigentlichen Zweck verkennen: "Manchmal verirren sich Touristen hierher, weil sie es für eine Kirche halten", berichtet Kühberger schmunzelnd.

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Verborgene Geschichten: Vom Hundebad zur Turmuhr

Der Badmanager führt nicht nur durch die öffentlichen Bereiche, sondern auch in normalerweise unzugängliche Zonen. Im Keller befindet sich der ehemalige Hundewaschraum, wo bis 1978 Vierbeiner für 50 Pfennige gebadet werden konnten. Im Turm wiederum offenbart sich eine originelle mechanische Konstruktion aus Metallstreben, die dafür sorgt, dass alle vier Turmuhren synchron laufen.

Die Geschichte des Bades beginnt mit dem großzügigen Stifter Karl Müller, der 1894 der Stadt München Immobilien im Wert von 1,5 Millionen Mark vermachte – mit der Auflage, ein Volksbad zu errichten. Als Anerkennung wurde er zum Ritter ernannt. Die tatsächlichen Baukosten beliefen sich schließlich auf 1,8 Millionen Mark, wobei die Stadt den fehlenden Betrag beisteuerte.

Hygiene und Eleganz: Antwort auf Münchens Wachstum

München erlebte im ausgehenden 19. Jahrhundert ein rasantes Bevölkerungswachstum, besonders in Arbeitervierteln wie der Au und Haidhausen. "In den Wohnungen gab es keine Reinigungsmöglichkeiten", erklärt Kühberger die historische Notwendigkeit. Das von Stadtbaurat Carl Hocheder entworfene Bad sollte die hygienischen Bedingungen verbessern und bot neben Schwimmbecken auch Wannen- und Brausebäder.

Bei der Eröffnung am 9. Mai 1901 wurde das Bad als "schönstes Schwimmbad der Welt" gefeiert. Es verfügte über 84 Wannenbadzellen und 18 Brausebadzellen, wobei Paare nur gemeinsam baden durften, wenn sie ihren Trauschein vorweisen konnten. Die Badezeit war auf 45 Minuten begrenzt.

Wandel und Kontinuität: Vom Wasseraustausch bis zur Geschlechtertrennung

Die Wasserqualität hat sich dramatisch verbessert. Während früher das Wasser zweimal wöchentlich komplett ausgetauscht wurde – "Am Vortag kostete der Eintritt nur die Hälfte" wegen der Verschmutzung – kommt heute pro Badegast täglich 30 Liter Frischwasser hinzu, und moderne Sandfilter sorgen für konstante Reinigung. Ein vollständiger Wasseraustausch erfolgt nur noch jährlich.

Die Trennung nach Geschlechtern in den beiden Schwimmbecken wurde erst 1989 aufgehoben. Bis dahin war das kleinere, wärmere Becken den Frauen vorbehalten. Heute findet dort Wassergymnastik statt.

Besondere Angebote und versteckte Wohnungen

Eine wenig bekannte Besonderheit: Bis heute kann man im Müller'schen Volksbad ein Wannen-Vollbad nehmen. "Viele kommen nicht mehr, aber ein paar sind es doch", sagt Kühberger. Neben Obdachlosen nutzen besonders ältere Menschen dieses Angebot, die sich sicherer fühlen, wenn im Notfall Hilfe in der Nähe ist. Bedürftige müssen dafür nichts bezahlen.

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Das Bad beherbergt sogar eine Wohnung: Im Turm erstreckt sich über zwei Etagen die Dienstwohnung des Haustechnikers und seiner Familie. Früher gab es sogar eine separate Dienstwohnung für den Badmanager, die mittlerweile zu Praxisräumen umgebaut wurde.

Seit seiner Eröffnung erfreut sich das Müller'sche Volksbad großer Beliebtheit. Bereits 1907 verzeichnete es über eine Million Besucher. Der ehemalige Warteraum für Frauen beherbergt heute die Gastwirtschaft Rustikeria. Nach 125 Jahren Geschichte strahlt das denkmalgeschützte Hallenbad in all seiner Pracht weiterhin unvermindert – ein lebendiges Stück Münchner Kulturgeschichte.