ARD-Krankenhausserie unter medizinischer Lupe: Wie realistisch ist 'In aller Freundschaft' wirklich?
Die beliebte ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft" hat in jüngsten Folgen mit einem dramatischen Handlungsstrang für Aufsehen gesorgt. Im Mittelpunkt steht die herzkranke Figur Jakob Heilmann, der das Herz der an einem Hirntumor erkrankten und nach einem Bootsunfall hirntoten Kardiologin Prof. Dr. Maria Weber erhalten soll. Doch wie nah an der medizinischen Realität bewegt sich die Serie tatsächlich?
Herzchirurg Professor Udo Boeken nimmt Stellung
Die Rheinische Post hat Professor Udo Boeken, Bereichsleiter für Herztransplantationen am Universitätsklinikum Düsseldorf, gebeten, die entsprechenden Folgen fachlich zu bewerten. Seine Einschätzung fällt gemischt aus: "Einiges ist korrekt recherchiert", so der Experte, doch mehrere dargestellte Sachverhalte seien "falsch und total unrealistisch".
Kritik an der Darstellung des LVAD-Systems
Besonders problematisch ist laut Boeken die Darstellung des LVAD-Systems (linksventrikuläres Unterstützungssystem), das bei Jakob Heilmann implantiert wird. In der Serie führt eine Infektion an der Kanüle dieses Systems angeblich innerhalb weniger Stunden zum Tod, wenn nicht sofort reagiert wird.
Professor Boeken korrigiert: "Der zeitliche Ablauf stimmt nicht, besonders wenn das LVAD sonst gut läuft. Bei echten Patienten würde eine solche Infektion zwar durchaus lebensbedrohlich sein, aber nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage zum Tod führen." In der Realität würden Betroffene oft mit Antibiotika oder Blutverdünnern behandelt, und Patienten müssten häufig monatelang auf der Warteliste mit Status HU (high urgent) verharren.
Unrealistische Organallokation und Transportdarstellung
Weitere gravierende Fehler identifiziert der Herzchirurg bei der Darstellung der Organverteilung. Ein Telefonanruf bei der fiktiven Organisation "Neotransplant", um Jakob Heilmann erneut mit hoher Priorität auf die Liste zu setzen, entspricht laut Boeken nicht der Realität.
"So etwas geschieht immer per Eingabe vieler Parameter in eine Datenbank bei Eurotransplant", erklärt der Mediziner. Auch eine Status-Höherstufung würde nur "mit Eingaben und Mail-Übermittlung" funktionieren, gefolgt von einer mehrstündigen Begutachtung durch drei Auditoren.
Zudem kritisiert Boeken die Darstellung der Entnahmeteams und des Organtransports:
- Die Teams würden niemals gemeinsam anreisen
- Jedes Team verfüge über umfangreiches Equipment, nicht nur eine Transportbox
- Styroporboxen seien heute nicht mehr Standard für den Organtransport
- Die Teams würden Protokolle und medizinische Daten vorab studieren, nicht während der Sterilisation vorgelesen bekommen
Größen-Mismatch bei Spender und Empfänger
Ein weiterer unrealistischer Aspekt ist laut dem Experten die geplante Transplantation des Herzens einer zierlichen weiblichen Spenderin in einen großen kräftigen männlichen Empfänger. "Das würde niemals in Frage kommen", so Boeken. Ein solches Größen-Mismatch funktioniere in den meisten Fällen nicht.
Positives bei anderen medizinischen Darstellungen
Trotz der Kritik an der Herztransplantations-Storyline betont Professor Boeken, dass "In aller Freundschaft" in vielen anderen medizinischen Bereichen durchaus sorgfältig recherchiert. In vorherigen Folgen seien beispielsweise die Diagnostik und Therapie bei Morbus Fabry (einem Enzymdefekt) zuverlässig dargestellt worden. Auch bei einem Fall von Malaria, bei dem ein Patient zunächst einen Afrika-Aufenthalt verschwiegen hatte, reagierten die Serienärzte korrekt.
Der Herzchirurg räumt ein, dass die notwendige Dramaturgie und die begrenzte Sendezeit von 45 Minuten eine vollständig realistische Darstellung komplexer medizinischer Abläufe erschweren. Dennoch warnt er davor, dass bestimmte Szenen den Eindruck erwecken könnten, als seien solche Eingriffe "nebenbei" zu bewältigen.
Die neuen Folgen von "In aller Freundschaft" sind weiterhin dienstags um 21 Uhr im Ersten zu sehen oder in der ARD-Mediathek abrufbar. Die Serie bleibt damit ein fester Bestandteil des deutschen Fernsehprogramms, dessen medizinische Genauigkeit jedoch je nach Handlungsstrang variiert.



