Radikaler Vorschlag aus der Union: Linnemann will Krankenkassen drastisch reduzieren
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat einen bemerkenswerten Vorstoß für eine grundlegende Reform des deutschen Gesundheitssystems unternommen. Der 48-jährige Politiker fordert eine radikale Reduzierung der Anzahl der gesetzlichen Krankenkassen – von derzeit über 90 auf lediglich zehn Einrichtungen.
„Teuerstes und ineffizientestes System“
In einem Interview mit RTL/ntv begründete Linnemann seinen Vorschlag mit deutlichen Worten: „Wir haben das teuerste Gesundheitssystem und gleichzeitig eines der ineffizientesten.“ Der CDU-Politiker kritisierte insbesondere die aktuelle Struktur: „Wir haben immer noch über 90 Krankenkassen, die in der Regel die gleichen Leistungen anbieten. Da müssen wir ran. Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“
Konkreter Umsetzungsplan mit Mitgliedergrenze
Linnemann präsentierte auch einen konkreten Mechanismus für die Umsetzung seiner Idee. Er schlägt vor, eine klare Schwelle bei den Mitgliederzahlen einzuziehen – beispielsweise bei 200.000 oder 250.000 Versicherten. Krankenkassen, die diese Mindestgröße nicht erreichen, würden dann vom Markt verschwinden.
„Ich habe nichts gegen Wettbewerb, aber so richtigen Wettbewerb gibt es nicht unter den Krankenkassen. Die Leistungen sind gleich“, argumentierte der Generalsekretär. Auf mögliche Kritik aus der Branche angesprochen, zeigte sich Linnemann unbeeindruckt: „Das ist mir völlig egal. Ich bin nicht für die Krankenkassen verantwortlich, sondern für die Volkswirtschaft in Deutschland. Ich bin Volksvertreter.“
Zurückhaltende Reaktion aus den eigenen Reihen
Unionsfraktionschef Jens Spahn äußerte sich deutlich zurückhaltender zu dem Vorstoß seines Parteikollegen. Vor einer Fraktionssitzung in Berlin verwies der 45-jährige CDU-Politiker darauf, dass die Zahl der Krankenkassen bereits von ehemals 1.800 auf etwa 90 gesunken sei.
Weniger Kassen seien durch Fusionen oder rechtliche Maßnahmen „sicherlich“ denkbar, so Spahn. Entscheidend sei aber, dass die Verwaltungskosten pro Mitglied tatsächlich sinken würden. Zudem betonte der Fraktionschef: „Wettbewerb lebe auch davon, dass Versicherte die Chance hätten, zu wechseln.“
Scharfe Kritik vom GKV-Spitzenverband
Beim GKV-Spitzenverband stieß Linnemanns Vorschlag auf deutliche Ablehnung. GKV-Verbandschef Oliver Blatt kritisierte gegenüber dem „Stern“: „Hier wird mal wieder eine Debatte ohne Hand und Fuß geführt, die an der Realität völlig vorbeigeht.“
Blatt verwies auf einen Bericht der Finanzkommission Gesundheit, der gezeigt habe, dass bei den Krankenkassen der Anteil der Verwaltungsausgaben an den Gesamtausgaben seit Jahren kontinuierlich sinke. Diese Entwicklung stehe im Widerspruch zu Linnemanns Effizienzkritik.
Historischer Kontext und aktuelle Debatte
Die Diskussion um die optimale Anzahl von Krankenkassen begleitet das deutsche Gesundheitssystem seit Jahrzehnten. Während in der Nachkriegszeit tatsächlich über 1.800 Kassen existierten, hat sich ihre Zahl durch zahlreiche Fusionen bereits erheblich reduziert.
Linnemanns radikaler Vorschlag fällt in eine Phase, in der die Finanzierung des Gesundheitssystems angesichts steigender Kosten und demografischer Veränderungen erneut intensiv diskutiert wird. Der CDU-Generalsekretär positioniert sich damit deutlich als Verfechter einer strukturellen Reform, die über kosmetische Anpassungen hinausgeht.
Die Reaktionen aus Politik und Verbänden zeigen, dass der Vorschlag kontrovers aufgenommen wird und eine grundsätzliche Debatte über die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung auslösen könnte.



