Tuberkulose-Alarm in Europa: 42.000 unentdeckte Fälle und wachsende Antibiotika-Resistenzen
In Europa bleibt jede fünfte Tuberkulose-Erkrankung unentdeckt oder wird nicht offiziell erfasst – ein gefährliches Versteckspiel mit potenziell tödlichen Folgen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: Während im vergangenen Jahr knapp 162.000 Fälle gemeldet wurden, geht die Organisation von etwa 204.000 tatsächlichen Erkrankungen aus. Somit bleiben rund 42.000 kranke Menschen im Verborgenen, ohne angemessene medizinische Versorgung.
Besorgniserregende Resistenzentwicklung
Besonders alarmierend ist die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen. Rifampicin-resistente TB-Bakterien treten in Europa etwa siebenmal häufiger auf als im weltweiten Durchschnitt. In 23 Prozent der Fälle versagt das Standard-Antibiotikum, während es global nur bei 3,2 Prozent der Patienten unwirksam ist. Die WHO warnt eindringlich: „Arzneimittel-resistente Stämme sind wesentlich schwieriger zu behandeln, erfordern längere und komplexere Therapien und sind für eine deutlich höhere Sterblichkeit verantwortlich.“
Teufelskreis aus späten Diagnosen und Resistenzen
Ein gefährlicher Teufelskreis bedroht den Kampf gegen die Infektionskrankheit. Die WHO erklärt: „Menschen, bei denen die Diagnose erst spät gestellt wird, haben ein höheres Risiko, Tuberkulose auf andere zu übertragen, und sind schwerer zu behandeln.“ Eine stärkere Übertragung führt zu mehr Patienten, bei denen die Behandlung versagt – was wiederum ein Hauptgrund für die Entstehung von Resistenzen darstellt.
Zwar sinken die Fallzahlen seit 2015 deutlich, doch die gesteckten Ziele werden weiterhin verfehlt – sowohl bei der Früherkennung als auch bei der Behandlung und Nachverfolgung der Krankheit. Die WHO zählt 53 Länder zur Europäischen Region, darunter neben den EU-Staaten auch Großbritannien, die Ukraine, Russland und mehrere zentralasiatische Länder.
Situation in Deutschland
In Deutschland gab es laut Robert Koch-Institut (RKI) im vergangenen Jahr 4.070 Meldungen neu diagnostizierter TB-Erkrankungen. In 237 Fällen waren Kinder unter 15 Jahren betroffen. Drei von vier Menschen, bei denen hierzulande eine Tuberkulose diagnostiziert wird, sind in einem anderen Land geboren.
Weltweite Dimension der Krankheit
Tuberkulose fordert weltweit die meisten Todesopfer unter allen Infektionskrankheiten. Im Jahr 2024 erkrankten etwa 11 Millionen Menschen, während mehr als 1,2 Millionen Menschen starben – vor allem in ressourcenschwachen Ländern. Besonders betroffen sind Indien, Indonesien, China, Pakistan und die Philippinen.
Die Krankheit überträgt sich hauptsächlich über die Luft. Hauptsymptom ist Husten, dazu können Brustschmerzen und Appetitverlust kommen. Die Bakterien können neben der Lunge auch andere Organe befallen. Ohne Behandlung führt eine Tuberkulose-Erkrankung laut WHO-Daten bei etwa jedem zweiten Betroffenen zum Tod.
Finanzierungsprobleme verschärfen die Krise
Experten befürchten künftig mehr Todesfälle. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) schlägt Alarm: Im vergangenen Jahr seien die USA als zentraler Geldgeber weggebrochen. Seither könnten sich viele Länder Labortests, Röntgenuntersuchungen und spezielle Therapien nur noch eingeschränkt leisten. Laut WHO machten die US-Gelder die Hälfte der internationalen Finanzmittel in diesem Bereich aus.
Studien prognostizieren, dass das Fehlen dieser Mittel in den kommenden fünf Jahren bis zu elf Millionen mehr Neuerkrankungen und bis zu zwei Millionen mehr Todesfälle bedeuten könnte. Patrick Georga, Vorstand der DAHW, macht deutlich: „Tuberkulose wird oft als Krankheit der Vergangenheit wahrgenommen – das Gegenteil ist richtig.“
Georga appelliert an die Politik: „Wenn TB-Programme ausreichend finanziert werden, sinken die Infektionszahlen. Wenn Mittel fehlen, sterben Menschen. Es liegt am politischen Willen.“
Fortschritte, aber weit hinter den Zielen
Im Kampf gegen Tuberkulose gibt es trotz der Herausforderungen Fortschritte: Die Neuerkrankungen sind laut WHO seit 2015 um 12 Prozent zurückgegangen, die Todesfälle um 29 Prozent. Angestrebt waren allerdings 50 Prozent weniger Neuerkrankungen und 75 Prozent weniger Todesfälle bis 2025.
Der Tuberkulose-Gedenktag fällt auf den 24. März, weil das Bakterium am 24. März 1882 vom Mikrobiologen Robert Koch entdeckt wurde. Diese historische Entdeckung erinnert daran, dass der Kampf gegen die Krankheit trotz medizinischer Fortschritte weiterhin dringend notwendig bleibt.



