Nach dem Herzinfarkt: Strategien gegen Ängste und Vertrauensverlust im Körper
Wer einen Herzinfarkt überlebt hat, steht oft vor einer tiefgreifenden psychischen Herausforderung. Plötzlich kann jedes kleine Ziehen im Brustkorb große Angst auslösen, und das Vertrauen in den eigenen Körper scheint erschüttert. Diese Unsicherheiten sind weit verbreitet und betreffen beinahe alle Betroffenen. Doch es gibt wirksame Wege, um das Sorgenkarussell in den Griff zu bekommen und wieder Zuversicht zu gewinnen.
Die psychischen Nachwirkungen eines Herzinfarkts
Ein Herzinfarkt tritt oft überraschend auf und hinterlässt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Spuren. Prof. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, erklärt: „Diese Plötzlichkeit erschüttert natürlich das Selbstvertrauen in den Körper. Viele Patienten berichten nach einem Herzinfarkt von Empfindungsstörungen wie Stichen oder einem Brennen im Brustkorb.“ Die psychologische Psychotherapeutin Franziska Kolorz vom Deutschen Herzzentrum der Berliner Charité bestätigt, dass ein Vertrauensverlust in den eigenen Körper fast alle Infarktpatienten betrifft. „Angst vor einer potenziell lebensbedrohlichen Situation ist normal und gesund“, sagt Kolorz. Diese Angst kann sogar motivierend wirken, um einen gesünderen Lebensstil zu pflegen.
Wann werden Ängste problematisch?
Entscheidend ist der persönliche Leidensdruck. Prof. Katharina Schmitt, Kardiologin und Ärztliche Leitung der Psychokardiologie an der Charité, rät: „Fragen Sie sich: Wie sehr leiden ich und mein Umfeld unter meinen Ängsten?“ Warnsignale sind, wenn sich alles nur noch um die Angst dreht, Beziehungen darunter leiden oder man kaum das Haus verlassen kann. In solchen Fällen ist professionelle Hilfe sinnvoll. Schmitt empfiehlt, ein Tagebuch über das Wohlbefinden zu führen, um Veränderungen zu erkennen. Bleibt der Zustand unverändert oder verschlechtert sich, deutet dies auf einen überhandnehmenden Vertrauensverlust hin.
Umgang mit Körperempfindungen und Panikattacken
Patienten sollten Beschwerden wie Stechen oder Enge in der Brust ernst nehmen. „Grundsätzlich gilt: lieber einmal zu oft abklären lassen als einmal zu selten“, sagt Tiefenbacher. Ein Knackpunkt ist die Ähnlichkeit zwischen Panikattacken und Herzinfarktsymptomen. Kolorz rät daher, mit dem Kardiologen klare Leitplanken zu vereinbaren: Bei welchen Anzeichen sollte man sich melden, und wann ist die Notaufnahme notwendig? „Gerade bei häufigen Panikattacken sollte man nicht aus dem momentanen Gefühl heraus entscheiden“, betont sie. Übungen wie das Aufzählen von Dingen im Raum können helfen, die Aufmerksamkeit nach außen zu lenken.
Vertrauen zurückgewinnen durch positive Erfahrungen
Das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle. „Jemanden an seiner Seite zu haben, der einem mit Ruhe sagt, wir machen das gemeinsam, ist extrem wertvoll“, sagt Schmitt. Von Alkohol oder Beruhigungsmitteln raten die Expertinnen ab, da diese langfristig die Ängste verstärken können. Stattdessen helfen kleine Erfolge und Bewegung. „Früher wurden Herzinfarktpatienten in Watte gepackt, heute weiß man: Bewegung hilft“, so Schmitt. Sie empfiehlt herzsensible Sportgruppen und den Rat eines Sportmediziners. Eine Reha-Maßnahme kann ebenfalls sinnvoll sein, um intensiv mit dem Körper zu arbeiten und Gemeinschaft zu erleben.
Sport nach dem Herzinfarkt: Was ist erlaubt?
In der Rehabilitation wird man langsam auftrainiert und lernt, wie hoch der Puls gehen sollte und wie lange Belastungen möglich sind. „Solange einem die Bewegung guttut, ist sie nicht kontraproduktiv“, erklärt Tiefenbacher. Sie rät von Gewichtheben oder Sport mit hohem Verletzungsrisiko ab, da viele Infarktpatienten Blutverdünner nehmen. Empfohlen wird eine Kombination aus Ausdauersport wie Joggen oder Radfahren und leichtem Kraftsport. Alternativen wie Yoga oder progressive Muskelentspannung sind ideal für diejenigen, die hohe Belastungen fürchten.
Insgesamt zeigt sich: Mit professioneller Unterstützung, klaren Strategien und kleinen Schritten kann das Vertrauen in den Körper nach einem Herzinfarkt zurückgewonnen werden. Die Expertinnen betonen, dass es normal ist, Ängste zu haben, aber wichtig ist, sie nicht das Leben bestimmen zu lassen.



