Die Magie der Hände: Wie unser Tastsinn die Welt entschlüsselt
Die Magie der Hände: Unser Tastsinn entschlüsselt die Welt

Die Magie der Hände: Wie unser Tastsinn die Welt entschlüsselt

Menschliche Hände sind ein wahres Faszinosum der Natur. Sie können streicheln und schlagen, greifen und werfen, sprechen und fühlen. Doch dieser einzigartige Kompromiss aus Beweglichkeit, Feinfühligkeit und massiver Kraft birgt auch eine Schwäche: In einer alternden Gesellschaft treten schmerzhafte Verschleißerscheinungen immer häufiger auf.

Ein Experte liest in Händen wie in Büchern

Prof. Dr. Mohssen Hakimi, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie am Vivantes Klinikum Am Urban in Berlin-Kreuzberg, widmet sein gesamtes Berufsleben der Erforschung von Händen. Er leitet dort das Handchirurgische Zentrum und versteht die Anatomie und Funktion unserer Hände wie kaum ein anderer.

Warum haben unsere Hände überhaupt Linien? „Die Linien sind anatomische Hautfalten“, erklärt Prof. Hakimi. „Sie verbessern vor allem die Beweglichkeit der Hand und schützen die Haut beim Beugen.“ Diese natürlichen „Knickstellen“ ermöglichen es der Haut, sich beim Greifen, Beugen und Strecken mühelos zusammenzulegen.

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Der Faustschluss: Ein menschliches Wunder

Schon die simple Fähigkeit, die Hand zur Faust zu schließen, ist ein kleines evolutionäres Wunder. „Der Faustschluss ist das, was die Hand von uns Menschen ausmacht“, betont Hakimi. „Und was uns von unseren nächsten Verwandten aus dem Tierreich unterscheidet, ist der längere Daumen und die Fähigkeit zum präzisen Pinzettengriff.“

Unsere Hände sind jedoch keineswegs reine Präzisionswerkzeuge. „Sie sind ein faszinierender Kompromiss aus Kraft und Feinmotorik“, so der Handchirurg. Einerseits müssen wir mit ihnen greifen, halten und tragen – Aufgaben, die massive Kraft erfordern. Andererseits ermöglichen sie feinste Bewegungen, wie sie in der Feinmechanik oder beim Spielen eines Instruments nötig sind.

Zwei Arten von Händen und ihre Bestimmung

„Vereinfacht gesagt, gibt es zwei Arten von Händen“, erklärt Prof. Hakimi. „Manche sind von Natur aus grob, andere fein.“ Diese genetische Veranlagung scheint oft mit der beruflichen Bestimmung der Menschen zusammenzuhängen. Die Form der Hände kann Hinweise darauf geben, wie sie eingesetzt werden und welchen Belastungen sie ausgesetzt sind.

Warum sind unsere Hände so unglaublich empfindlich?

Die hohe Empfindlichkeit unserer Hände hängt mit der klugen Aufspaltung unserer Gefühlsnerven zusammen. „Überall da, wo ein Nerv sich aufspaltet, geht Information verloren“, sagt Hakimi. An den wichtigsten Stellen – am Zeigefinger und am kleinen Finger – gibt es daher zwei Nerven, die ohne Aufspaltung auskommen.

Dadurch funktioniert der Schutz an der Außenseite der Hand perfekt, etwa wenn wir versehentlich auf eine heiße Herdplatte kommen. „Und am Zeigefinger entsteht durch den isolierten Nerv das, was wir als Feingefühl bezeichnen.“

Mit den Händen sehen, was die Augen nicht erkennen

„Die Finger sind das Werkzeug des Chirurgen“, betont der Chefarzt. „Wir spüren mit ihnen in der Tiefe, was unsere Augen nicht sehen können.“ Minimale Unterschiede in Rauigkeit oder Weichheit – etwa zwischen zwei Gewebsstrukturen oder Materialien, die optisch nahezu identisch erscheinen – lassen sich mittels unseres Tastsinns perfekt erkennen und unterscheiden.

Warum gestikulieren wir eigentlich?

Dies hat mit der Komplexität von Emotionen zu tun. „Sie können mit den Händen etwas unterstreichen, betonen, abwehren, was rein sprachlich keine so starke Wirkung entfalten würde“, erklärt Hakimi. „Durch Gesten wird unsere Sprache bildlicher.“ Interessanterweise werden Mimik und Gestik in überlappenden Hirnarealen mit der Sprache verarbeitet.

Der Wandel der Händearbeit: Von Kraft zu Feinarbeit

„Wir gehen evolutionär von einer Arbeit mit Kraftaufwand zu einer feinmotorischen Arbeit über“, analysiert der Leiter des handchirurgischen Zentrums. Dadurch verändert sich auch die Arbeit unserer Hände grundlegend. Die Feinarbeit wird viel hochfrequenter ausgeführt – mit mehr, schnelleren und kleineren Bewegungen. Die grobe Arbeit wird hingegen von langsameren, aber kräftigeren Bewegungen dominiert.

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„Alles ist hierbei eine Frage von Intensität, also Krafteinsatz, und Frequenz, also Häufigkeit“, so Hakimi. Das Resultat bei den Verschleißerkrankungen ist letztlich aber das gleiche.

Der Daumen: Besonders gefährdet in alternder Gesellschaft

„Mittlerweile ist die Daumensattelgelenkarthrose eine wahre Volkskrankheit!“, warnt der Berliner Professor. Besonders Greif- und Drehbewegungen belasten über die Lebenszeit das Sattelgelenk des Daumens. „Hier zeigt sich die Besonderheit unserer Hände: Sie sind ein Kompromiss aus der Fähigkeit, Feinarbeiten zu verrichten, aber auch viel Kraft einzusetzen.“

Dieser Kompromiss fordert bei vielen Menschen im fortgeschrittenen Alter seinen Tribut. In einer zunehmend alternden Gesellschaft tritt diese Verschleißerkrankung immer häufiger auf.

Moderne Lösungen für ein altes Problem

„In früheren Zeiten musste man, wenn die Schmerzen unerträglich wurden, oft einen Handwurzelknochen entfernen“, erinnert sich der Mediziner. „Diese Operation konnte zwar Schmerzen beseitigen, ging aber häufig mit Kraftverlust, Instabilität und schlechteren Hebelverhältnissen der Hand einher.“

„All das können aktuelle Prothesen in hohem Maße verhindern“, betont Hakimi. Nach modernen Daumensattelgelenksprothesen ist die Beweglichkeit des Daumens in der Regel nahezu normal.

„Eine Beweglichkeit von bis zu 95 Prozent der normalen Beweglichkeit ist möglich“, erklärt der Handchirurg. „Dadurch sind Greifen, einen Flaschenverschluss aufdrehen, Schreiben oder Zuknöpfen eines Kleidungsstücks in der Regel wieder normal oder fast normal möglich.“

Unsere Hände bleiben damit auch im Alter das faszinierende Werkzeug, das sie immer waren – ein perfekter Kompromiss zwischen Feinmotorik und Kraft, zwischen Fühlen und Handeln.