Berlin/Karlsruhe - Die Bundesanwaltschaft hat einen Schlag gegen rechtsextreme Jugendgruppen geführt. In zwölf Bundesländern durchsuchten Ermittler Räume von 36 mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“. Ihnen wird die Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, wie die Behörde in Karlsruhe mitteilte.
Schwere Vorwürfe gegen die Beschuldigten
Den meisten Beschuldigten wird Rädelsführerschaft zur Last gelegt. Gegen acht von ihnen wird auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Der jüngste Beschuldigte ist erst 16 Jahre alt. Die meisten Beschuldigten stammen aus Nordrhein-Westfalen (neun), gefolgt von Brandenburg und Sachsen (je fünf).
Reaktionen aus der Politik
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, dass nahezu 50 Objekte durchsucht wurden. „Diese rechtsextremen Jugendgruppen rufen zu Gewalt auf und beteiligen sich an Gewaltaktionen gegenüber politischen Gegnern“, so Dobrindt. „Wir akzeptieren keine Gewaltaufrufe und gewalttätige Angriffe, sondern gehen entschieden dagegen vor.“
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) zeigte sich besorgt über die Anziehungskraft dieser Gruppen auf sehr junge Menschen. Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) betonte: „Diese Gruppen haben gezielt Jugendliche ins Visier genommen – über soziale Medien, mit einfachen Feindbildern und radikaler Propaganda.“
Gewalttaten gegen politische Gegner
Die beiden Gruppen existieren laut Bundesanwaltschaft seit Mitte 2024 und sind bundesweit organisiert mit Regionalgruppen in den Ländern. „Deutsche Jugend Voran“ tritt bisweilen unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ auf. Die Mitglieder vernetzen sich über soziale Medien und regelmäßige Treffen, bei denen zu Gewalttaten gegen politische Gegner und vermeintliche Pädophile aufgerufen wird.
„Einige Beschuldigte sollen Angehörige der linken Szene oder Personen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. Die Opfer wurden von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon“, hieß es in der Mitteilung der Ermittler.
Experteneinschätzung
Der Potsdamer Politologe Christoph Schulze von der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Gruppen wendeten sich gegen „alles, was als links und Antifa“ wahrgenommen werde, sowie gegen die LGBTIQ-Community. „Deutsche Jugend Voran“ sei bei Protesten gegen CSD-Veranstaltungen in Ostdeutschland aufgefallen, wo sie aggressiv auftraten und menschenverachtende Parolen wie „HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch“ riefen.
Schulze betonte, dass diese Gruppen organisatorisch nicht gefestigt seien, aber eine „Gewaltkultur“ herrsche. Der Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung sei ein „scharfes Schwert“, dessen Haltbarkeit sich erst erweisen müsse.
Hintergrund: Angriffe auf CSD-Paraden
In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Störungen und Angriffen auf Christopher-Street-Day-Paraden. Bei einer Demo gegen den CSD in Falkensee (Brandenburg) im Sommer 2025 trugen Mitglieder T-Shirts mit Aufschriften wie „Aktivistisch“, „heimattreu“ und „kampfbereit“. Auch in Bernau protestierte die „Deutsche Jugend Voran“ gegen die Parade der queeren Community.
Bereits im September 2025 gab es Durchsuchungen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gegen die Gruppen. Im April 2025 verurteilte das Berliner Landgericht einen Rädelsführer wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu drei Jahren und drei Monaten Haft.
Mitgliederzahlen und Vernetzung
Laut „Spiegel“ sollen Mitglieder der Gruppen in den vergangenen Monaten wiederholt bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ festgestellt worden sein. Diese versuchten, die Aktivisten zum Eintritt in Parteistrukturen zu bewegen.
„Jung und Stark“ war 2025 die größte der Jugendgruppen mit einigen Hundert Anhängern, während „Deutsche Jugend Voran“ auf mehr als hundert Mitglieder geschätzt wurde. Weitere relevante Vereinigungen sind „Der Störtrupp“ und die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“, deren mutmaßliche Angehörige in Hamburg wegen mehrerer Gewalttaten vor Gericht stehen.
Gesamtdeutsche Bedrohung
Justizministerin Hubig erklärte, die Aktionen dieser Gruppen richteten sich nicht nur gegen Menschen, die sie als Feinde identifiziert hätten, sondern gegen die Demokratie selbst. „Rechtsextremismus ist die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht“, sagte die SPD-Politikerin. Die Razzien fanden in allen Bundesländern statt, außer Baden-Württemberg, Thüringen, Hamburg und Bremen.
Die Grünen-Politikerin Irene Mihalic dankte den Sicherheitsbehörden für das entschlossene Vorgehen. „Angesichts der Bedrohungen und Angriffe der CSDs, die gerade auch von rechtsextremen Jugendgruppen ausgingen, sehen wir es auch als wichtiges Zeichen, dass der Zugriff nun gerade zu Beginn der CSD-Saison erfolgt ist“, sagte sie.



