Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat am Samstag einen neuen Hitzerekord für Deutschland verzeichnet: In Drewitz im Jerichower Land (Sachsen-Anhalt) wurden um 16:30 Uhr 41,5 Grad Celsius gemessen, wie ein DWD-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP bestätigte. Damit wurde der erst am Freitag aufgestellte Rekord von 41,3 Grad in Saarbrücken-Burbach übertroffen.
Extreme Hitze breitet sich aus
Bereits am Freitag hatte der DWD in Saarbrücken-Burbach mit 41,3 Grad den bis dahin höchsten je in Deutschland gemessenen Wert registriert. Der bisherige Allzeitrekord lag bei 41,2 Grad, gemessen 2019 in Tönisvorst und Duisburg-Baerl (Nordrhein-Westfalen). Am Samstag stiegen die Temperaturen vielerorts über 40 Grad: Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt meldete 40,5 Grad, Waghäusel-Kirrlach in Baden-Württemberg 40,4 Grad und Kahl am Main in Bayern 40,2 Grad. Der DWD-Sprecher betonte: „Es kann gut sein, dass der Hitzerekord heute noch geknackt wird. Es sind ja noch ein paar Stunden und es liegt auf jeden Fall im Bereich des Möglichen.“
Im Norden Deutschlands blieb es dagegen vergleichsweise kühl: In Sankt Peter-Ording an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins wurden nur 22,8 Grad gemessen. Der Hitzeschwerpunkt verlagerte sich laut ARD-Meteorologe Tim Staeger nach Osten: „In Richtung Oder und Lausitz sind am Sonntag bis zu 42 Grad Celsius möglich. Das wäre die höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur.“
Klimawandel als Treiber
Staeger erklärte im RBB-Hörfunk, die derzeitige Hitzewelle sei eine „extreme Abweichung“: Die Luft sei zehn bis 15 Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Solche Temperaturen wären vor 50 Jahren bei ähnlicher Wetterlage „quasi unmöglich“ gewesen, selbst im Jahrhundertsommer 2003 seien sie „zehnmal unwahrscheinlicher“ gewesen. „So kann die Beteiligung des Klimawandels an den aktuellen Extremwetterereignissen erkannt werden“, argumentierte Staeger.
Die Organisation World Weather Attribution betonte, die Hitzewelle wäre ohne den Effekt des Klimawandels rund 3,5 Grad kühler gewesen. Die aktuellen Tageshöchst- und Nachttemperaturen seien vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“ gewesen.
Gesundheitliche Folgen und Rettungseinsätze
Die extreme Hitze hat bereits gesundheitliche Schäden verursacht. In Köln mussten am Freitag sieben Personen aus Dachgeschosswohnungen gerettet werden, wie die „Bild“ berichtete. Feuerwehrsprecher Ulrich Laschet sagte: „Dabei handelte es sich nicht um ältere Menschen, sondern um Personen zwischen 40 und 60 Jahren.“ Alle Befinden sich demnach in einem lebensbedrohlichen Zustand mit Körpertemperaturen über 42 Grad. Laschet kündigte an: „Wegen der großen Anzahl an Einsätzen werden wir heute unsere Kollegen, die eigentlich frei haben, wieder in den Dienst holen.“
In Dormagen (Nordrhein-Westfalen) wurden Bewohner eines Seniorenheims wegen Temperaturen bis 35 Grad aus dem Gebäude gebracht. Ein Bewohner starb in der Nacht, die Todesursache ist noch unklar. Die Stadt entschied sich für umfassende vorsorgliche Maßnahmen, zehn Personen wurden außerhalb betreut.
Patientenschützer fordern mehr Investitionen in Pflegeheimen. Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, kritisierte: „Wieder leiden viele der 800.000 Pflegeheimbewohner unter den extremen Temperaturen.“ Bestandsbauten müssten endlich den klimatischen Bedingungen angepasst werden, bei Neubauten dürfe es nicht wärmer als 25 Grad werden.
Verkehr und Infrastruktur betroffen
Die Deutsche Bahn rät wegen der Hitze von nicht dringend notwendigen Reisen im Fern- und Regionalverkehr ab. „Die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland ist an diesem Wochenende stark von der Rekord-Hitze betroffen. Auch der Schienenverkehr leidet unter den Extrem-Temperaturen“, hieß es in einer Mitteilung. In Stuttgart wurde der Zugverkehr am Hauptbahnhof wegen eines Böschungsbrands eingestellt. Ein Sprecher der Bundespolizei berichtete von starker Rauchentwicklung.
In der Schweiz wurde das Atomkraftwerk Beznau nahe der deutschen Grenze heruntergefahren, da die Aare mit 25 Grad zu warm für die Kühlung war. Der Energiekonzern Axpo teilte mit: „Eine ausreichende Abkühlung ist nicht in Sicht.“
Wasserknappheit und Verbote
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund rief die Bürger zum Wassersparen auf. Hauptgeschäftsführer André Berghegger sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Bei dieser Hitze appelliere ich dringend an den gesunden Menschenverstand, in den kommenden Tagen bitte ganz besonders sparsam mit dem kostbaren Wasser umzugehen.“ Notfalls müssten Behörden Verbote aussprechen. In Dresden wurde ein Wasserentnahmeverbot für oberirdische Gewässer bis Oktober verhängt.
Wegen Waldbrandgefahr gilt in Brandenburg, Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsen und Sachsen-Anhalt am Sonntag die höchste Warnstufe. Zudem wurden zahlreiche Veranstaltungen abgesagt, darunter der Hamburger Halbmarathon mit 24.000 Läufern und alle Fußballspiele des Württembergischen Fußballverbands.
Ärztliche Kritik an Hitzeschutzpolitik
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband warf der Bundesregierung Versagen beim Hitzeschutz vor. Verbandsvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Die Bundesregierung lässt die Praxen beim Hitzeschutz im Stich. Den jahrelangen Ankündigungen, man werde das Thema Hitzeschutz endlich priorisieren, sind keine Taten gefolgt. Bis heute ist de facto nichts passiert.“ Sie forderte eine strukturierte Beratung in Hausarztpraxen und Pflegeheimen, insbesondere zur Medikamentenlagerung bei Hitze.
Das Umweltbundesamt forderte Hitzeaktionspläne für Städte. Präsident Dirk Messner erklärte: „Mit mehr Stadtbäumen, zusätzlicher Verschattung und der Entsiegelung von Flächen können wir die Temperaturen in den Städten aktiv senken und die Bildung von Hitzeinseln reduzieren.“
Ausblick: Gewitter und Unwetter erwartet
Der DWD warnt für Sonntag vor schweren Gewittern mit heftigem Starkregen, Hagel und Sturmböen. Am Samstag werden bereits kräftige Gewitter in Nordseenähe und von den westlichen Mittelgebirgen bis in den Nordosten erwartet. Die Hitzewelle soll laut DWD mindestens bis Sonntag anhalten, bevor eine Abkühlung einsetzt.



