Einen Tag nach den tödlichen Schüssen in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in Stade ist die Bestürzung auch in Berlin groß. Frederik Näher, Vorstand des Kinder- und Jugendhilfe-Trägerverbunds KJSH, berichtet von tief erschütterten Kollegen. Der Verbund beschäftigt rund 6000 Mitarbeiter in 68 Einrichtungen, unter anderem in Hamburg, Brandenburg und Berlin. Näher stellt eine Zunahme aggressiver Vorfälle fest: „Das Klima wird rauer.“ Er nennt zwei Beispiele aus jüngster Zeit: Ein Mann habe eine täuschend echte Waffenattrappe bei sich geführt; in einem anderen Fall hätten sich Männer vor einer Einrichtung aufgebaut, stundenlang bedrohlich gewirkt und gefilmt.
Hintergründe der Tat in Stade
In Stade, westlich von Hamburg, soll ein 45-jähriger Mann in einer Mutter-Kind-Wohngruppe auf Menschen geschossen haben. Sechs Menschen starben – Mitarbeiter der Einrichtung oder des Jugendamts der Region Hannover. Die genauen Hintergründe sind noch unklar, doch die Polizei nannte erste Details: Offenbar war ein Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter ein Motiv. Der mutmaßliche Täter soll zudem sein Baby geschüttelt haben. Wie er an die Schusswaffe gelangte, ist noch Gegenstand der Ermittlungen.
Informationsfluss als Schwachstelle
Näher sieht Nachholbedarf beim Informationsfluss zwischen Sicherheitsbehörden, Jugendämtern und Trägern. Die Sozialarbeiter hätten oft kaum Hintergründe zum Gewaltpotenzial der Personen vor ihnen. Informationen gebe es – wenn überhaupt – nur im Kontext der Hilfe, die Familien in Anspruch nehmen. Dabei seien die Mitarbeiter regelmäßig in Situationen mit hohem Konfliktpotenzial: Es gehe um hochemotionale Themen wie Sorgerecht, Väter, die Angst haben, ihre Kinder nicht mehr zu sehen, und Großeltern, die sich einschalten. Zwar gebe es Meldewege, Notfallregelungen und Deeskalationstrainings, doch die mangelnde Information bleibe ein Problem.
Erfahrungen aus Marzahn-Hellersdorf
In Marzahn-Hellersdorf kennt man Bedrohungslagen für Jugendamtsmitarbeiter gut. Ein Standort des Jugendamts wurde zeitweise für den öffentlichen Publikumsverkehr geschlossen; Zugang gab es nur mit Anmeldung und Termin. Zudem werden seit Jahren Pförtner oder Empfangspersonal eingesetzt, berichtet Gordon Lemm (SPD), Bezirksstadtrat für Familie, Jugend und Gesundheit. Er vergleicht die Vorfälle mit Angriffen auf Sanitäter und Rettungskräfte: „Die Menschen wollen helfen und rechnen nicht damit, angegangen oder gar angegriffen zu werden.“ In seinem Haus würden Grenzüberschreitungen konsequent angezeigt – ein bis maximal drei Fälle pro Monat, häufig Beleidigungen, selten Bedrohungen.
Reaktionen und Schutzmaßnahmen
Der Vorfall in Stade habe die Verwundbarkeit der helfenden Menschen gezeigt, so Lemm. Er wolle nun mit den Mitarbeitern über ihr Sicherheitsgefühl sprechen und gegebenenfalls nachbessern. Solche schrecklichen Taten ließen sich nie ganz verhindern, aber man könne sie erschweren. Falko Liecke, Staatssekretär für Jugend und Familie in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, war zuvor jahrelang Bezirksstadtrat in Neukölln. Er bestätigt, dass Aggressionen zum Alltag der Mitarbeiter gehören. Bei Hilfekonferenzen mit auffälligen Elternteilen gebe es besondere Schutzmaßnahmen: Gespräche mit mehreren Personen, Sicherheitskräfte oder in Einzelfällen die Polizei. Allerdings betont Liecke: „Sicherheitskräfte haben auch eine Auswirkung auf das Gesprächsklima. Für die Sozialarbeiter ist das ein schmaler Grat.“ Denn am Ende gehe es um das Wohl der Kinder und Jugendlichen, und dafür benötige es Beziehungsarbeit unter Vertrauten. Mit Polizisten oder Sicherheitspersonal im Raum sei das schwierig.



