Am Montag begann vor dem Landgericht Kassel der Prozess gegen drei ehemalige Führungskräfte der Wurstfabrik Wilke aus Twistetal in Hessen. Die Anklage wirft ihnen vor, durch den Verkauf von verschimmelter und mit Listerien belasteter Wurst den Tod von elf Menschen verursacht zu haben. Es handelt sich um einen der größten Lebensmittelskandale in der Geschichte Deutschlands.
Angeklagte und Vorwürfe
Die Angeklagten sind der ehemalige Geschäftsführer Klaus Peter Rohloff (57), seine damalige Stellvertreterin Ronny M. (55) und der frühere Produktionsleiter Frank Walter S. (58). Ihnen werden unter anderem elffache fahrlässige Tötung, siebenfache fahrlässige Körperverletzung, Betrug und Verstöße gegen das Lebensmittelrecht vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Firma über Jahre hinweg verdorbene und keimbelastete Ware in den Handel brachte, obwohl die Verantwortlichen davon wussten.
Hintergrund des Skandals
Fast fünf Jahre lang gelangte nach Überzeugung der Anklage mit Listerien kontaminierte Wurst in den Handel. Die Opfer im Alter von 47 bis 86 Jahren waren häufig Patienten in Krankenhäusern oder Bewohner von Pflegeheimen. Das Robert-Koch-Institut konnte die Erkrankungen auf einen gemeinsamen Bakterienstamm zurückführen, der zur Wilke-Fabrik führte. Die Anklageschrift umfasst 224 Seiten und beschreibt „katastrophale hygienische Bedingungen“ in der Produktion. Fotos zeigen völlig verschimmelte Würste und Leberkäselaibe, verdreckte Produktionsräume und Verwesungsgeruch. Kontrolleure bezeichneten den Betrieb als ideale Brutstätte für Listerien. Zudem sollen verdorbene Waren aufbereitet und teilweise mit neuen Mindesthaltbarkeitsdaten wieder verkauft worden sein, darunter Bierschinken, Cervelatwurst und Hähnchengeschnetzeltes. Selbst bei internen Tests, die positiv auf Salmonellen und Listerien ausfielen, habe die Firma keine Rückrufe veranlasst.
Prozessverlauf und Erwartungen
Die Angeklagten erschienen am ersten Verhandlungstag mit verdeckten Gesichtern – einer trug eine rote Schirmmütze, Skibrille und FFP-Maske. Sie reagierten nicht auf Fragen der Journalisten. Im Gerichtssaal verfolgten Rohloff und S. die Verlesung der Anklageschrift mit gesenkten Köpfen, während Ronny M. immer wieder zu Richter und Staatsanwalt blickte. Die Staatsanwaltschaft stellte für den Fall umfassender Geständnisse kürzere Haftstrafen in Aussicht. Gegen Rohloff gibt es zudem den Vorwurf der Insolvenzverschleppung, da sein Unternehmen bereits Ende 2018 zahlungsunfähig gewesen sein soll, der Insolvenzantrag jedoch erst im Oktober 2019 gestellt wurde. Ein Urteil wird frühestens Mitte August erwartet, nach 14 weiteren Verhandlungsterminen.



