Der letzte noch erhaltene Vorkriegsbunker des NS-Regierungsviertels in Berlin-Mitte soll abgerissen werden. Auf dem Gelände der früheren Neuen Reichskanzlei sind Wohnungen und Büros geplant. Gegen die Pläne regt sich Widerstand von Denkmalschützern und dem Verein Berliner Unterwelten.
Bunker als letzte bauliche Spur der NS-Machtzentrale
Unter einer unscheinbaren Brache in Berlin-Mitte liegen die letzten baulichen Spuren von Hitlers einstiger Machtzentrale verborgen. Der Bunker ist der letzte erhaltene Vorkriegsbunker des NS-Regierungsviertels. Dietmar Arnold, Vorstandsvorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, kritisiert die Abrisspläne scharf: „Eine der letzten Spuren der NS-Machtzentrale abzureißen, das ist heutzutage totaler Wahnsinn.“
Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD) spricht sich gegen einen Erhalt aus. Der „B.Z.“ sagte er: „Wir stehen dem Neubau von Wohnungen nicht im Wege, um einen Bunker zu erhalten, der dann womöglich noch zum Wallfahrtsort wird.“
Verein Berliner Unterwelten kritisiert Argumentation
Der Verein findet diese Position nicht nachvollziehbar. „Das ist nur ein vorgeschobenes Argument. Der Verein Berliner Unterwelten zeigt seit Jahren erfolgreich, wie man sich mit solchen Gebäuden auseinandersetzen kann, ohne sie gleich abzureißen“, erklärt Arnold. Für Berlin sei der Abriss des letzten authentischen Restes der Neuen Reichskanzlei „oberpeinlich“.
Aus Sicht des Landesdenkmalamtes ist der Bunker von „umfassender historischer und wissenschaftlicher Bedeutung“, wie Sebastian Heber erklärt, der Abteilungsleiter für Bodendenkmalpflege ist. Der Bunker stelle den letzten bauzeitlichen Rest der Neuen Reichskanzlei dar und sei zudem der letzte noch erhaltene Vorkriegsbunker des Berliner NS-Regierungsviertels. Aufgrund einer Weisung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sei der Bunker jedoch nicht als Denkmal ausgewiesen worden.
Landesdenkmalrat spricht sich für Erhalt aus
Der Landesdenkmalrat, ein Expertengremium, sprach sich im vergangenen Jahr dafür aus, den Erhaltungszustand und eine Eintragung des Bunkers in die Denkmalliste zu prüfen. „Die Neue Reichskanzlei war Planungs- und Ausgangsort des Zweiten Weltkrieges und steht symbolhaft auch für das katastrophale Ende des NS-Regimes“, heißt es in einer Empfehlung des Gremiums vom März 2025.
Das Gremium findet, dass der Bunker einen wichtigen historischen Zeugniswert hat. Die Bedeutung solcher Objekte für künftige Generationen sei in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Gerade in Zeiten des digitalen Missbrauchs, des Sterbens der letzten Zeitzeugen und einer teilweisen Relativierung der NS-Verbrechen erscheine es umso wichtiger, materielle und eindeutige Spuren zu erhalten.
Bunkeranlage mit 1.200 Quadratmetern erhalten
Laut Arnold sind noch 1.200 Quadratmeter der Bunkeranlage erhalten, die Wände und Decke seien jeweils 1,70 Meter stark. Diese ließen sich sogar überbauen, ohne sie abzureißen. Nun solle etwa der halbe Bunker abgerissen werden, damit Wohnungen und Büros entstehen könnten. „Wenn man den Bunker zur Hälfte wegsägt oder wegbaggert, geht die Stabilität verloren. Dann macht es keinen Sinn, noch etwas zu erhalten“, kritisiert Arnold.
Er plädiert dafür, dort eine Ausstellung zum Kriegsende zu errichten und erinnert an das berühmte Kapitulationsfoto von General Helmuth Weidling, als dieser am 6. Mai 1945 den Bunker verließ.
Neue Reichskanzlei als Symbol von Hitlers Herrschaftsanspruch
Die Neue Reichskanzlei war laut Deutschem Historischen Museum Berlin ein monumentaler Regierungs- und Repräsentationsbau des NS-Regimes in Berlin, den Adolf Hitler als architektonisches Symbol seines Herrschaftsanspruchs errichten ließ. Nach Plänen von Albert Speer wurde das Gebäude ab 1934 in der Voßstraße gebaut und in nur rund zwölf Monaten bis Januar 1939 weitgehend fertiggestellt, nachdem zuvor ganze Straßenzüge abgerissen worden waren. 1945 wurde die Kanzlei von der Roten Armee eingenommen und ab 1949 abgerissen.
Geplante Neubauten: 66 Wohnungen und Bürogebäude
Laut dem Bericht der „B.Z.“ soll auf dem Gelände ein siebengeschossiges Gebäude mit 66 Wohnungen, aber auch ein Bürogebäude mit sechs Geschossen errichtet werden. Aus Sicht von Arnold werden dies aber „keine der bezahlbaren Wohnungen sein, die in Berlin gebraucht werden“.
Der Bunker war nur einer von vielen verschiedenen Bunkern im ehemaligen NS-Regierungsviertel rund um die Wilhelmstraße. Arnold betont, dass es sich dabei nicht um den berühmten „Führerbunker“ handelt, in dem Adolf Hitler und Eva Braun Selbstmord begingen. Dieser Bunker wurde im April 1944 fertiggestellt, an seiner Stelle in der Gertrud-Kolmar-Straße in Berlin-Mitte befindet sich heute ein Parkplatz. 2006 stellte der Verein Berliner Unterwelten dort eine Informationstafel zur Geschichte des „Führerbunkers“ auf.



